Von Walter Abendroth li

Wenn man wissen will, was Freiheit der Meinungsäußerung ist, so muß man, allen anderslautenden Legenden zum Trotz, in die Zeiten des alten „Simplizissimus“ zurückblicken, und zwar selbst in die Jahrgänge vor dem Ersten Weltkrieg. Gewiß, es gab da bisweilen einen Majestäts- oder sonst einen Beleidigungsprozeß, aber dafür mußte der Anlaß schon ziemlich massiv sein, und die Strafen erscheinen uns heute überaus glimpflich, ihre Durchführung geradezu rücksichtsvoll. Betrachtet man indessen die unbeanstandet gebliebenen Karikaturen und Witte, so kann man nur staunen, was Kaiser und Könige, Fürsten, Päpste, Kleriker, Offiziere, der „Wehrstand“ überhaupt, Juristen, Verwaltungsbeamte und so weiter damals alles ausgehalten haben, was sie sich gefallen ließen und was ihnen unverblümt gesagt werden durfte! Der hundertste Teil davon, heutigen Respektsinstanzen zugedacht, würde als vernichtender Bumerang auf den Absender zurückprallen. Nicht nur bei „jenen drüben“ – überall in der modernen Welt. Woran sich ermessen läßt, wie empfindlich, wie zerbrechlich sie inzwischen geworden ist...

Solche ganz unzeitgemäßen Gedanken (denn zeitgemäß ist ja der fromme Kinderglaube, daß alles immer besser, schöner, fortgeschrittener und besonders: freiheitlicher würde), sie drängen sich einem auf angesichts einer famosen Ausstellung im Münchner Kunstverein, betitelt „Die drei Wilkes“. Von den drei brüderlichen Karikaturisten Hermann (1876–1950), Rudolf (1878–1913) und Erich Wilke (1881–1939) war Rudolf der künstlerisch bedeutendste, der wirklich geniale. Er arbeitete für den „Simpl“, sein Bruder Erich für die „Jugend“, die ebenfalls keineswegs nur lyrisch eingestellt war, sondern mit dem „Simpl“ manchmal in der Schärfe der Zeit-, Staats- und Gesellschaftskritik konkurrierte. Hermann wirkte überwiegend in Berlin; er war der am wenigsten originelle.

Von Rudolf Wilke (er dürfte manchem unserer heutigen jüngeren Zeitgenossen immerhin aus Olaf Gulbranssons köstlichem Erinnerungsband „Und so weiter“ bekannt sein) sieht man in der Ausstellung Skizzenbücher mit einer Fülle großartig gezeichneter Gesichte und Gesichter, selbstgemalte Postkarten, viele graphische Blätter von frappierender Treffsicherheit der Charakteristik und mehr als ein Simplizissimus-Stück mit gewagtester Pointe. Was hätte wohl ein später Wehrzersetzungszensor gesagt zu der Zeichnung eines kaiserlichen Rekruten, auf dessen Tornister ein Grammophon montiert ist, das über seine Pickelhaube und das dumpf-stumpfe Untertanengesicht hinweg „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ tutet? Wie hätte ein späterer Potentat reagiert auf eine so kritische Verspottung der gefährlichen Redefreudigkeit Wilhelms II., wie sie ein Blatt mit der Unterschrift: „Am Neujahrstage des Jahres 1909 soll in Berlin auch ein Kapitel des Trappisten-Ordens abgehalten werden“ zeigt, auf dem der küraßgepanzerte Monarch sich die Hand vor das ungern gebändigte Mundwerk preßt!

Aber es hieße solchen Kritikern mitsamt ihrer engagierten Kunst nachträglich ein entmutigendes „Vergeblich“ anhängen, wollten wir Heutigen aus ihren heiteren oder bitteren Protesten lediglich entnehmen, wieviel Kritikbedürftiges es doch damals gegeben habe. Wir sollten vielmehr neben ihrem Mut und ihrer Aggressivität auch die Toleranz ihrer Opfer bewundern und gewisse Folgerungen daraus für unsere Gegenwart zu ziehen nicht verschmähen.