Ein erster Überblick über die Folgen der Aufwertung zeigt, daß die meisten Industriebetriebe, besonders bei Eisen und Stahl, nicht in der Lage sein werden, die für die Ausländer um 5 vH erhöhten Preise durchzusetzen. Die Aufwertung geht also zu Lasten der Gewinnspanne. Ganz gleich, ob diese Spanne groß genug ist, um die Schmälerung hinzunehmen oder nicht: Die Industrie macht ihrem Herzen Luft. Um so lauter, als sie sich hinters Licht geführt fühlt. Denn in Kreisen der Industrie war die Auffassung entstanden, daß sie die Aufwertung der DM mit der Zeichnung der 1,5-Mrd.-Industrie-Entwicklungshilfe bis mindestens nach den Wahlen hinausgeschoben hatte.

Die Stimmung der Verwaltungen vieler Unternehmen ist in diesen Tagen gereizt. Das überträgt sich auf die Börse, die fürchtet, daß die in dieser Atmosphäre gefällten Dividendenentscheidungen weniger auf das Rekordjahr 1960 Bezug haben werden als vielmehr auf das Jahr 1961, wo man verringerte Gewinnmargen fürchtet. Die „Aufwertungswunde“ ist offenbar noch zu frisch, um objektive Betrachtungsweisen erwarten zu können. Deshalb braucht auch die Börse Zeit, um wieder zu einer einheitlichen Linie zu gelangen.

Bei den Werft- und Reederei-Aktien zeigt sich bereits auf der ermäßigten Kursbasis ein höheres Maß an Widerstandsfähigkeit. Die Schiffahrt hat als erste der Öffentlichkeit ihre Sorgen dargelegt, die durch die Aufwertung zusätzlich entstanden sind. Entsprechend schnell war die Börsenreaktion. Zu Beginn dieser Woche waren die Eisen- und Stahlaktien an der Reihe, zum Leidwesen der ohnehin schwergeprüften Montanaktionäre. Selbst das in Börsenkreisen als günstig empfundene Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen, das die Sozialisierungsgefahr noch weiter in den Hintergrund drängt, hat den Montan-Himmel nicht aufhellen können.

Auch die Bank-Aktien haben sich nicht mehr wesentlich von der Stelle gerührt, obwohl doch die inzwischen veröffentlichten Bankbilanzen ein überaus erfreuliches Bild von der inneren Stärke der Institute offenbaren. Es wurde jedoch in den Hintergrund gedrängt von der auf Moll gestimmten Begleitmusik der Vorstände, aus der man heraushören konnte, daß nach Ansicht der Bankexperten die Zeit der schnellen Dividendensteigerungen mit der Aufwertung vorüber, ist.

Recht stabil lagen weiterhin die IG-Farben-Nachfolger sowie AEG und Siemens. Das Ausland war hier als Käufer im Markt. Es kümmerte sich nicht sehr viel um den Aufwertungspessimismus. Zweierlei Meinungen glaubt man den ausländischen Käufern unterstellen zu können: 1. Die deutsche Industrie wird die 5 vH verdauen und dennoch gut verdienen; und 2. Die jetzige Aufwertung um 5 vH ist noch nicht die letzte gewesen. Tatsächlich ist die internationale Währungsspekulation auch noch nicht zur Ruhe gekommen. Auch das merkt man an der Börse.

Mit großer Spannung wird nun der Handel in Volkswagen-Aktien erwartet. Schon in den letzten Wochen wechselten die Zuteilungsansprüche auf VW-Aktien den Besitzer, und zwar zu Kursen zwischen 500 und 600 vH. Die Akteure dieses Handels waren verständlicherweise sehr vorsichtig. Sie haben je Antrag auf 5 Aktien immer nur 2 Aktien als „handelbar“ angesehen. Damit dürften sie den Zuteilungs-Eventualitäten in etwa Rechnung getragen haben. Die Börsen distanzierten sich von diesem Handel, der ohne Zweifel dem Sinn der VW-Zeichnungsaktion zuwiderläuft. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß der Handel „per Erscheinen“, bei allen Papieren durchaus üblich, nun gerade bei den VW-Aktien strafbar ist. Bisher sind sich die Juristen nur darüber einig, daß sich derjenige strafbar gemacht hat, der auf dem Zeichnungsantrag sein Einkommen als zu niedrig deklarierte. Alle anderen Tatbestände, auch der Handel „per Erscheinen“, sind keineswegs kriminell.

Die Börsenexperten waren sich von vornherein darüber im klaren, daß die Konstruktion des VW-Privatisierungsgesetzes mit seinen Sozialgeschenken zu einem schwunghaften, spekulativen Handel führen würde. Sie haben gewarnt, aber vergeblich, weil allem voran die sozialpolitischen Motive gestellt werden sollten.

Daß nun an den VW-Aktien auch solche verdienen werden, die nicht zu dem sozialbegünstigten Kreis zählen, wird man nicht verhindern können. Im Interesse aller künftigen VW-Aktionäre liegt es, wenn die VW-Aktien möglichst schnell zur Börseneinführung gelangen, damit Klarheit geschaffen wird. Auf diese Weise werden Phantasiekurse, die zwangsläufig zu einem Verkauf unter Verzicht auf den Sozialrabatt reizen, aus der Welt geschafft. Bei der VW-Aktion wurde in Anlehnung an eine glücklicherweise hinter uns liegende Zeit noch einmal mit Bezugsscheinen gearbeitet. Die Folge war ein „Schwarzer Markt“. Wen wundert das? Kurt Wendt