Als erste deutsche Großbank hat die Commerzbank AG, Düsseldorf, ihren Jahresabschluß für 1960 vorgelegt. Er gibt nicht nur dem Aktionär Klarheit darüber, wie „sein“ Institut im vergangenen Jahr gewirtschaftet hat, sondern er gewährt darüber hinaus auch einen Einblick in die gesamtwirtschaftlichen Vorgänge der zurückliegenden zwölf Monate. Bei einer Großbank laufen viele Fäden zusammen. Sie ist nicht nur die Bank vieler großer und noch zahlreicherer kleiner Unternehmen. Daneben sitzen die leitenden Männer des Instituts in einer großen Anzahl Aufsichtsräte, so daß auch von dieser Seite her die Kenntnis wirtschaftlichen Tendenzen vertieft wird.

Die Bilanz der Commerzbank bestätigt, daß die Möglichkeiten der Bundesbank, eine innerdeutsche Konjunkturpolitik zu treiben, beschränkt sind. Der Zentralbankrat hat zwar die Konjunkturbremsen 1960 scharf angezogen, aber nichts deutet daraufhin, daß sie auch die erwünschte Wirkung hatten. Dr. Hanns Deuss, Sprecher der Commerzbank, hat eindeutig festgestellt, daß die höheren Zinsen, die 1960 für Kredite gefordert werden mußten, kein Anlaß für die Unternehmen waren, ihre Geschäftspolitik zu ändern. Auf der anderen Seite haben die hohen Mindestreserven, die Ende 1960 bei der Commerzbank im Soll 700 Mill. DM betrugen (jetzt „nur“ noch 660 Mill.), den Liquiditätsspielraum der Banken zwar eingeengt, aber die Institute sind dennoch in vollem Umfange den berechtigten Kreditwünschen ihrer Kundschaft nachgekommen. Wenn die Großkundschaft glaubte, mit Auslandsgeld besser zu fahren, hat sie von der Möglichkeit der Direktverschuldung im Ausland kräftig Gebrauch gemacht. Auch die Banken haben sich die erforderlichen Mittel teilweise im Ausland verschafft. So trat das ein, was die Bundesbank am wenigsten wünschte: Durch die Restriktionen wurde der Kapitalzufluß in die Bundesrepublik noch verstärkt. Die Commerzbank hat etwa 100 Mill. DM für ihre Kundschaft im Ausland geliehen.

Daneben hat die Commerzbank natürlich auch ihre eigenen Reserven mobilisiert. Dazu zählten u. a. die festverzinslichen Wertpapiere, die sich per 31. 12. 1960 um 16,9 vH auf 393,2 Mill. verringert haben. Dagegen hat die Bank ihre Aktienbestände um 28,2 vH auf 269,1 Mill. DM erhöht. Bei der Zunahme handelt es sich im wesentlichen um junge Aktien, die übernommen wurden, um bei Kapitalerhöhungen die Schachtelpositionen (besonders bei Karstadt und Kaufhof) aufrechtzuhalten. Die Tatsache, daß in einer Zeit härtester Restriktionen die Bank hierfür Mittel erübrigte, verdeutlicht mehr als alles andere, welche Bedeutung und welchen wirtschaftlichen Wert sie ihren Beteiligungen bei diesen Unternehmen beimißt.

Die Bilanzsumme der Commerzbank ist um 8,3 (14,4) vH auf 6,9 Mrd. DM gestiegen. Die Einlagen aber nur um 7,8 (14,1) vH auf 5,8 Mrd DM. Das Kreditvolumen hat sogar auf 4,5 Mrd. (+ 11 vH) zugenommen. Aus diesen wenigen Zahlen wird erkenntlich, welchen Problemen sich die Bank im vergangenen Jahr gegenübersah. Insgesamt standen der Bank am Jahresende 1960 an eigenen und fremden Mitteln 529 Mill. mehr zur Verfügung als ein Jahr zuvor. Dieser Betrag wurde in erster Linie im Kreditgeschäft eingesetzt. Auf diese Weise konnte die Bank ihre Kundschaft „vor der Konjunkturpolitik der Bundesbank schützen“.

Nun zur Ertragslage, die naturgemäß für den Commerzbank-Aktionär interessanter ist als die Bilanz- und Geschäftsentwicklung selbst. Der Steueraufwand ist auf 62,12 (57,93) Mill. DM gestiegen, davon entfallen 65 vH auf die Körperschaftsteuer. Daneben sind noch beträchtliche steuerfreie Gewinne aus den Beständen an steuerfreien Wertpapieren angefallen, über die der Geschäftsbericht natürlich keine Auskunft gibt. Der Steuerposten sagt deutlich, daß mehr verdient worden ist. Er ist allerdings prozentual nicht so stark gestiegen wie der Reingewinn (28,94 Mill. DM, plus 14,2 vH), der für die Ausschüttung einer Dividende von 16 vH gebraucht wird. Im vergangenen Jahr wurden zwar auch 16 vH verteilt (genau 14 plus 2 vH), aber 1960 ist ein um 30 Mill. DM erhöhtes Grundkapital mit Dividenden zu bedienen.

Die Zuführung zu den offenen Rücklagen macht nur 22 Mill. DM aus, gegenüber 25 Mill. im vergangenen Jahr. Das hat nach den Worten von Dr. Deuss lediglich eine „optische“ Bedeutung. Die Commerzbank hat nämlich nach Dotierung der 22 Mill. jetzt Rücklagen von 180 Mill., was wiederum der Höhe des Grundkapitals entspricht. Daneben sind auch die stillen Reserven gut dotiert worden. Man darf sagen, daß nunmehr bei den Rücklagen der „Nachholbedarf“ befriedigt worden ist. Künftig brauchen sie wohl nur dem steigenden Geschäftsumfang angepaßt werden.

Wie im vergangenen’ Jahr den Bonus von 2 vH so hält auch die Commerzbank auch in diesem Jahr wieder etwas „Zusätzliches“ für ihre Aktionäre bereit. Nur ist es diesmal kein Bonus, sondern eine Kapitalerhöhung (um 20 Mill. auf 200 Mill. DM). Ausgeschrieben wird ein Bezugsrecht von 10:1 zu 100 vH. Der niedrige Ausgabekurs zeigt deutlich, daß den Aktionären mit der Kapitalerhöhung eine Freude gemacht werden soll, denn ein aktueller Anlaß für eine Kapitalaufstockung liegt nicht vor. Die ausgewiesenen Eigenmittel an der Bilanzsumme machen zur Zeit rund 5,2 vH aus, ein Satz, der unter den heutigen Verhältnissen keineswegs zu beanstanden ist. Wie auf der Pressekonferenz gesagt wurde, hat die Bank bei der Dividendenbemessung in gewisser Weise den Forderungen Bonns, auch in der Dividendenpolitik Maß zu halten, Rechnung tragen wollen. 2 Mill. DM Aktien aus der Kapitalerhöhung sollen frei verwertet werden.