Nach drei gewinnbringenden Monatsliquidationen ist verständlich, daß die Pariser Börse eine Atempause gebraucht. Bei weiter großen Umsätzen ist sehr viel verkauft worden. Das Kursniveau hat sich indessen nicht ermäßigt. Dem Realisationsbedürfnis stand jederzeit ausreichende Aufnahmebereitschaft gegenüber. Kapital steht überreichlich zur Verfügung. Die Rückwanderung großer Beträge aus Algerien, wo die französischen Siedler sich nicht mehr sicher fühlen, hält an. Das inländische Anlagebedürfnis ist um so größer, als die Aufwertung der Mark und des holländischen Guldens zu neuen Auflösungen von Goldhorten führt, und im übrigen seit mehr als 2 1/2 Jahren keine Anleihe des Staates mehr emittiert wurde. Infolgedessen finden sowohl alle Privatanleihen als auch die nunmehr reichlich angebotenen Kapitalerhöhungen der großen Industriegesellschaften leicht Aufnahme.

Die Erhöhung der deutschen Währungsparität gegenüber dem Dollar scheint dem französischen Markt neue ausländische Käuferschichten zugeführt zu haben. Die französische Stahlindustrie, die mit sehr viel niedrigeren Gestehungskosten und Preisen als die westdeutsche Konkurrenz arbeitet, aber bis zu 95 vH ihrer Leistungsfähigkeit ausgelastet ist, hofft (mindestens vorübergehend), besser als bisher die zentraleuropäischen Märkte erobern zu können. Vorteile werden auch die zahlreichen französischen Unternehmungen in der Bundesrepublik von der Aufwertung erzielen können.

In diesem Zusammenhang wird auf die Automobilindustrie hingewiesen, ferner auf Michelin, die ein großes Werk in Karlsruhe betreiben, sowie auf Hutchinson, die bereits vor dem Krieg in Mannheim eine völlig abgeschriebene Fabrik besaßen, auch auf Coty und zahlreiche andere Gesellschaften, die sich jenseits des Rheines Verbindungen zu schaffen wußten. Hutchinson sind sehr erheblich gestiegen und haben den Kurs von 300 NF erreicht. Es wird erwartet, daß eine Aufwertung der Bilanz in einem für die Aktionäre vorteilhaften Sinne in diesem Frühjahr durchgeführt werde. Höchstkurse erreichten auch die führenden Textilwerte. Die Aufkäufe der großen Holdinggesellschaften in Textilaktien halten an. Warenhausaktien wurden in großen Beträgen, aber ohne nennenswerten Kursdruck, realisiert. Von Chemieaktien werden Pechiney in erheblichen Posten aus dem Markt genommen. Davon profitiert die zum Pechiney-Konzern gehörende Holding „Seichime“, die den Kurs von 300 NF erheblich überschritten hat. Alle großen Chemiewerke werden vom Ausland, besonders von der Schweiz, erworben. Montanwerte setzen ihre Aufwärtsbewegung fort. Es werden zahlreiche Kapitalerhöhungen mit Ausgabe von Gratisaktien angekündigt. Kongowerte konnten sich erholen.

Retlaw