Wer nach Worms gekommen ist, wird den Dom besucht haben und dann zu dem nur wenige Schritte von ihm entfernt liegenden Judenfriedhof gegangen sein, der, in der Frühe des 11. Jahrhunderts entstanden, zu den größten und schönsten Europas zählt. Und im Angesicht von jüdischem Friedhof und christlichem Gotteshaus wird er vielleicht über ein Wort Martin Bubers nachgedacht haben, das jener heute in Jerusalem lehrende und bereits im 84. Lebensjahr stehende jüdische Religionsphilosoph bei den letzten Religionsgesprächen vor dem Einbruch der Dunkelheit in Stuttgart gesprochen hat: „Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms (Buber war von 1924 bis 1933 Professor in Frankfurt), an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen bindet, und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst in den Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke vom Friedhofsgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine, und die Asche unter den Steinen. Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraumes nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels.“

Diese Worte heben ein Grunderlebnis Bubers ins Bewußtsein, das nicht nur charakteristisch für sein Leben ist, sondern zugleich auch maßgebend für sein philosophisches Wirken: das der Begegnung. Wenn er jetzt in einem Bändchen

Martin Buber: „Begegnung“ – Autobiographische Fragmente; Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart; 59 S., 7,50 DM

einen Teil seiner bisher verstreut erschienenen und um weitere bereicherten autobiographischen Notizen zu einer Einheit versammelt, dann geht es ihm nicht darum, mit Geschichten Geschichte zu machen, sondern das Gesetz, unter dem er angetreten ist, aufzuzeigen. Jeweils von Alltagserlebnissen ausgehend, schildert Buber, wie ihn das monologische Leben der Menschen zum Problem der Gemeinschaft hingeführt hat.

Nicht geht es dem Denker dabei um die banale Erkenntnis des do ut des – des Gebens, damit einem gegeben wird –, sondern um jene Ich-Du-Beziehung und um jenes kommunikative Gespräch, von dem es heißt: wo zwei wahrhaft beisammen sind, sind sie es im Namen Gottes. Dieser Gedanke verweist auf eine weitere formgebende Kraft im Leben Bubers, auf seine Belegung mit dem Chassidismus, einer ostjüdischen mystischen Bewegung des 18. Jahrhunderts, die die tiefinnerliche Verbundenheit zwischen göttlicher und menschlicher Welt lehrte.

In einer Zeit, der die „Brüderlichkeit“, für die Bubers Begegnungen ein beredtes Zeugnis sind, erst zu einem Thema werden muß, um wirksam zu sein, ist uns dieses Bändchen „Autobiographischer Fragmente“ wie ein Vademekum vorgekommen. Dieter Stolte