Mailand, Mitte März

Im Mailänder Teatro Lirico, wo Mussolini seine letzte große Rede hielt, bevor er von kommunistischen Partisanen erschossen wurde, haben die Führer der italienischen Sozialisten fünf Tage lang auf ihrem 34. Parteikongreß miteinander um Wege und Ziele ihrer Politik gerungen. Das Anachronistische an dieser Veranstaltung war nicht zu übersehen Drinnen schien die Weltuhr um eine halbes Jahrhundert zurückgestellt zu sein – so verbissen wurde über die Anwendung Marx’scher Theorien diskutiert. Draußen aber vibrierte von intensivem Leben die seit Jahren durch sozialistische Bürgermeister verwaltete italienische Industrie- und Handelsmetropole Mailand und wirkte an diesem strahlenden Vorfrühling wie eigens dazu aufgebaut, jene blassen Theorien zu widerlegen.

Pietro Nenni, der 70jährige Führer der italienischen Sozialisten, hat sich zwar, wie erwartet, im Teatro Lirico noch einmal durchgesetzt. Aber sein Sieg – sein letzter, wie einige meinen – war ein Pyrrhussieg. Es ist ihm nicht gelungen, die in zwei Gruppen getrennte Opposition um die Abgeordneten Tullio Vecchietti und Lelio Basso zurückzudrängen, wie vor zwei Jahren bei dem Kongreß in Neapel. Nennis „autonomistische“ Richtung wird heute von nur rund 56 Prozent des Parteivolks gebilligt. Damit ist der schmale Raum, den er sich in Neapel für eine Annäherung an die demokratische Linke verschaffte, wiederum kleiner geworden. Es gibt freilich noch immer Links-Katholiken und Republikaner, die ihre politischen Hoffnungen auf Nenni setzen. Sie haben jetzt allen Anlaß, sich auf ihre eigenen Kräfte und die der Liberalen und Konservativen innerhalb der Democrazia Cristiana zu besinnen, wenn sie nicht wie Don Quichotte einer Fata Morgana nachlaufen wollen.

Denn was hätte Nenni ihnen im besten Falle anbieten können? Nach der dreieinhalbstündigen Marathon-Rede, mit der dieser alte Volkstribun den Kongreß eröffnete, offerierte er den Bürgerlichen die parlamentarische Unterstützung eines „Kabinetts der linken Mitte“. Diese Regierung soll dann allerdings einige der von ihm leidenschaftlich wiederholten sozialistischen Hauptforderungen verwirklichen: jene „Strukturreformen, die geeignet sind, die Gesellschaftsordnung von heute zu ändern und deren Führung den Arbeitern zu übergeben“.

Das ist im wesentlichen dasselbe, was auch der italienische KP-Chef Togliatti als Ziel anzugeben pflegt. Von den Bedingungen, die der christlichdemokratische Nationalrat vor kurzem gestellt hat, um eine Garantie für das demokratische Verhalten der Sozialisten zu bekommen, will Nenni nichts wissen. „Wir haben keine solchen Garantien zu geben“, rief er erregt aus. Die Garantien lägen in der Geschichte, im inneren Leben und in der politischen Haltung seiner Partei.

Und zur „Gretchenfrage“: Wie halten es die Nennianer mit den Kommunisten? sagte er: „Die Diktatur einer Partei ist mit dem Sozialismus unvereinbar. Wir wollen die individuelle Freiheit in der angestrebten nicht-kapitalistischen Gesellschaft wahren.“ Aber im selben Atemzug gestand Nenni: „Die sozialistische Demokratie hat mit der bürgerlichen nichts zu tun.“ Ja, aber wie soll dann der angestrebte Dialog zwischen den Sozialisten und den Links-Katholiken sich gestalten? Er hat nach Nennis Worten nur den Sinn, die Gegensätze innerhalb der Democrazia Cristiana bis zur Spaltung zu vertiefen ...

Kein Wort, das auf die Absicht einer Trennung der Sozialisten von den Kommunisten in den Gewerkschaften, Genossenschaften und Kommunalverwaltungen deuten könnte! Es ist unverständlich, wo eigentlich manche Politiker der Mitte und ein Teil der unabhängigen italienischen Presse trotzdem eine „neue mutige Differenzierung von der KP“ entdeckt haben. Schon das Abspielen der „Internationale“ und des Kampfliedes der „Roten Fahne“ zu Beginn des Kongresses und in den Pausen zeigte, für welche Ideen die Herzen der 600 Parteidelegierten schlagen.