Von Peter Demetz

Als Hofmannsthal mit siebenundzwanzig Jahren nach Rodaun bei Wien übersiedelte, hängte er im Flur des neuen Hauses ein Porträt Grillparzers auf. Wir stehen, im Grunde, immer noch vor diesem, vor Hofmannsthals Grillparzerbild. Wer kennt nicht Grillparzer als Schwierigen, als scheuen Eigenbrötler, der das Hispanische und Habsburgische zu vereinen wußte; als eigentümlichen Repräsentanten eines österreichischen und wienerischen je ne sais quoi, das (wie ein neuerer Deuter meint) „Velasquez und Waldmüller, Gracian und Feuchtersieben, Barock und Biedermeier, Welttheater und Vorstadttheater“ fruchtbar vermischt?

Die scheinbare Unveränderlichkeit dieses ästhetisch so anziehenden Grillparzerbildes, in dem manche Farben aus Hofmannsthals Selbstporträt aufleuchten, wird allerdings gefördert durch gänzlich außerliterarische Konstellationen: Gestehen wir es offen, es paßt unserer konservativ und hierarchisch gestimmten Literaturwissenschaft, in der sich auch der jüngste Dozent als olympisch beruhigter Biedermann zu gebärden beliebt, wunderbar in den Kram; und in des Dichters eigenen Landen ist eine amtliche Kultur- und Erziehungspolitik, paritätisch und steril bestimmt vom Rouge et Noir einer Demokratie ohne parlamentarische Diskussion, einer möglichen Korrektur ihrer offiziellen Dichtergalerie unsäglich abhold.

Das ist es eben: Die gesegnete Rückständigkeit Österreichs hat Grillparzer nicht allein dazu bestimmt, das Barock, das Hispanische und das Theatralische ins neunzehnte Jahrhundert hinüberzuretten; diesem österreichischen Dichter, der wie jeder gute Österreicher an seinem österreichertum oft zu ersticken drohte, war es nicht minder auferlegt, noch ganz andere Elemente in das Jahrhundert Metternichs und Wagners hinüberzunehmen: Allein, wem liegt heute noch daran, einen deutschen oder gar österreichischen Dichter als Freund oder Nachfolger Voltaires zu rühmen?

Der eben erschienene erste Band einer auf vier Abteilungen angelegten Ausgabe

Franz Grillparzer: „Sämtliche Werke I“ (Gedichte, Epigramme, Dramen 1), herausgegeben von Karl Pörnbacher und Peter Frank; Carl Hanser Verlag, München; 1356 S., 33,– DM

ruft dem allgemeinen Leser neben Bekanntem und Dramatisch-Bedeutendem auch vieles ins Gedächtnis zurück, was bisher ein zu Unrecht verborgenes historisch-kritisches Dasein führte. Grillparzers Gedichte und Epigramme, hier, in der neuen Hanser-Ausgabe, wohlkommentiert und lückenlos in historischer Folge dargeboten, haben allerdings wenig mit dem Hispanischen oder Hierarchischen zu tun, dafür aber vieles mit dem Geist der deutschen Aufklärung, mit Voltaire, mit den Enzyklopädisten.