Von Mag Fetscher

Niemand, der Ruth Fischer in den letzten Jahren begegnet ist, wird sie so leicht vergessen: die kleine, energische Gestalt und das kaum schön zu nennende, aber durch ein Paar ungemein lebendige, dunkle Augen bestimmte Gesicht. Von weitem wirkte sie wie eine alternde Aristokratin, im Gespräch aber noch immer wie eine jugendliche Revolutionärin. Zum letzten Male habe ich sie fast auf den Tag genau vor einem Jahr im Café Weber auf der Avenue de l’Opéra gesehen. Man wurde freundlich behandelt und zu ihrem Stammtisch gebracht, wenn man ihren Namen nannte.

In Paris hatte Ruth Fischer mit dem amerikanischen Paß während ihrer letzten Jahre eine Art Heimat gefunden, und dort ist sie letzte Woche auch gestorben. Die Unruhe ihrer revolutionären Seele hatte ihr keinen beschaulichen Lebensabend erlaubt. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit und neben ihren Vorlesungen über die Geschichte der Arbeiterbewegungen fand sie immer wieder die Zeit, in Deutschland vor Gewerkschaftlern, Studenten, Unternehmern und konfessionellen Gruppen zu sprechen. Der östliche Teil Deutschlands freilich blieb ihr, einer alten Kampfgefährtin Piecks und Schwester Gerhard Eislers, versperrt.

Diese Frau, die aus deutsch-jüdischem Bürgertum stammte, war schon in jungen Jahren zum Mitglied des Zentralkomitees der KPD aufgestiegen und als Rednerin im Reichstag zu frühem Ruhm gelangt. Als Stalin jedoch die Komintern zu einem Instrument pansowjetischer Politik machen wollte, leistete sie Widerstand und wurde von den Moskau willfährigen Genossen aus der Partei ausgeschlossen. Das bedeutete das Ende ihrer parteipolitischen Karriere, aber nicht das Ende ihrer revolutionären Leidenschaft. Trotz aller Enttäuschungen blieb sie bis zuletzt vom Sieg der Sache eines echten Sozialismus überzeugt.

Sie verschloß nicht die Augen vor dem Totalitarismus des Sowjetsystems (für die Regimes im Ostblock prägte sie das treffende Wort „Okkupationskommunismus“), auch entging ihr nicht die Abkehr des Proletariats der westlichen Industrieländer vom revolutionären Marxismus. Sie machte sich kaum Illusionen; aber sie verstand es, die großen Veränderungen in der Weltpolitik und der Weltwirtschaft als Schritte zu einem Ziel zu deuten, das sie noch immer mit dem Reich sozialer Gerechtigkeit und universellen Wohlstands in Verbindung brachte, für dessen Herbeiführung sie einst gekämpft hatte.

Auch als Historikerin ging es ihr darum. Als sie vor fünf Jahren an der Tübinger Universität Vorlesungen über die Geschichte der KPdSU hielt, da konnten ihre Hörer nicht nur ein Stück Geschichte miterleben, parteiisch und subjektiv erzählt, aber dafür faszinierend: sie lernten auch die Intentionen eines politischen Menschen unserer Tage kennen. Ruth Fischer war nur Historikerin geworden, um den revolutionären Sozialismus vom Schandfleck des Stalinismus reinzuwaschen.

Man hat Ruth Fischer nachgesagt, sie habe ihre Auffassungen und Tendenzen häufig gewechselt. Aber hinter diesen äußeren Wandlungen stand doch eine sich gleichbleibende Gesinnung. Chruschtschows Abrechnung mit Stalin erfüllte sie mit tiefer Befriedigung, und danach begann sie, dem toten Diktator auch positive Seiten abzugewinnen. Ihre Hoffnungen aber setzte sie auf Chruschtschow,

Mit Ruth Fischer ist nicht nur ein Stück Geschichte der zwanziger Jahre dahingegangen. Ein lebendiger Spiegel der Zeitereignisse ist erblindet. Sie war einer der seltenen Menschen, die zugleich ganz auf ein Ziel gerichtet sind und deren Herz doch dabei nicht aufhört, für die Mitmenschen, für alle Mitmenschen zu schlagen. Eitelkeit, Sentimentalität und Star-Allüren waren ihr fremd. In einer Zeit, die von Parvenüs wimmelt, war sie eine wirkliche Dame. Ihr Herz hatte sie zur Revolutionärin bestimmt, doch war sie dabei ein Mensch geblieben. Niemand konnte ihr seine Achtung versagen.