Von Joachim Joesten

In einer Art wirtschaftlicher Torschlußpanik hat Portugal in den letzten Monaten seine bisher fast hermetisch verschlossenen Türen für Auslandsinvestitionen in großem Stil geöffnet. Der Grund für diese Kursänderung liegt nicht etwa in einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Mutterlande, die nach wie vor von bemerkenswerter Stabilität geprägt ist, sondern vielmehr in der Erkenntnis, daß Portugal den jetzt anhebenden Kampf um sein Kolonialimperium unweigerlich verlieren muß, wenn es ihm nicht rechtzeitig gelingt, sich in diesem Ringen mächtige Verbündete zu sichern.

Jahrzehntelang hatte Portugals sitzfester Diktator, Dr. Antonio de Oliveira Salazar – übrigens selbst seines Zeichens Wirtschaftsprofessor an der alten Universität Coimbra – sein weltumspannendes Imperium eifersüchtig gegen fremde Einflüsse jeder Art abgeriegelt. Auch nachdem in Portugal selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausländisches Kapital in recht beschränktem Maße zugelassen worden war, blieben die riesigen Kolonialgebiete, darunter vor allem Angola und Mozambique, für nicht-portugiesische Investitionen so gut wie völlig gesperrt.

Solange Portugal, das wirtschaftlich wie geographisch am äußersten Rande Europas ein bescheidenes Leben fristet, von den neuen Wellen der weltpolitischen Entwicklung unberührt blieb, konnte es sich diese Politik egozentrischer Genügsamkeit leisten. Seit etwa einem Jahr aber ist es mit der beschaulichen Zurückgezogenheit vorbei. Der Wellenschlag der überstürzten Emanzipierung des belgischen Kongo – und des daraus entstandenen Chaos in Zentralafrika – greift immer stärker auch auf die portugiesischen Besitzungen in Angola und Mozambique – die nach der offiziellen Lesart zwar als „Provinzen“, d. h. als integrale Bestandteile des Mutterlandes, gelten, in Wirklichkeit aber eben doch Kolonien sind – über.

Schon gegen Ende des vorigen Jahres kam es in der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu einem ersten Vorstoß der afro-asiatischen Völker, mit selbstverständlicher Unterstützung des Sowjetblocks, gegen die portugiesische Kolonialpolitik und insbesondere gegen das in den überseeischen Besitzungen tatsächlich noch immer praktizierte System der Zwangsarbeit. Vor kurzem hat dann die Affäre der Santa Maria Portugal diese Probleme erneut in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gerückt. Unmittelbar danach kam es in Angola zu einem blutigen Aufstand, bei dem über dreißig Menschen ums Leben kamen. Auch in Mozambique gärt es. Offen unterstützt von der „African National Union“ des schwarzen Nationalistenführers Julius Nyerere, der selbst Regierungschef (Chief Minister) von Tanganyika ist, hat Ende Februar eine zahlreiche Gruppe exilierter Eingeborenenführer aus Mozambique eine Bewegung gegründet, die es sich offen zum Ziel setzt, Portugal aus allen seinen afrikanischen Besitzungen zu vertreiben. Ähnlich stehen die Dinge in Portugiesisch-Guinea, wo eine neu zum Leben erwachte Untergrundbewegung in der benachbarten unabhängigen Republik Guinea offene Unterstützung findet. Im Mittleren Osten erhebt Indien nach wie vor Anspruch auf die portugiesischen Siedlungen an der Westküste des Subkontinents, die sich um die Stadt Goa gruppieren.

So kracht schon heute das vierhundert Jahre alte portugiesische Weltreich in allen Fugen, und alle Anzeichen deuten darauf, daß es in den kommenden Jahren oder vielleicht schon Monaten noch weiteren Anspannungen ausgesetzt sein wird.

In dieser bedrohlichen Lage hat Salazar das Steuer seiner Wirtschaftspolitik radikal herumgeworfen. Ohne Paukenschlag, ja sogar mit einem Minimum von Publizität, ist er darangegangen, sein überseeisches Imperium in größtmöglichem Maße wirtschaftlich zu internationalisieren. Insbesondere sind es die Amerikaner, die Deutschen und die Japaner die in den unterentwickelten afrikanischen und asiatischen Besitzungen Portugals zur industriellen Entwicklung herangezogen werden. So hat z. B. die Firma Krupp den Bau einer Eisenbahn sowie von Anlagen zur Verhüttung der, Eisen- und Manganerze von Angola übernommen. In Köln fand in der letzten Februarwoche eine Konferenz zwischen westdeutschen Industriellen und portugiesischen Regierungsvertretern statt, wobei eine „Gemischte Kommission für Deutsch-portugiesische Zusammenarbeit“ ins Leben gerufen wurde. Sie soll die Anlage deutschen Kapitals in portugiesischen Unternehmungen fördern, den Austausch von Patenten und Lizenzen betreiben und die Ausbildung portugiesischer Techniker in der Bundesrepublik vornehmen. Die Kommission wird im Herbst zu weiteren Beratungen in Lissabon zusammentreten.