Wien, im März

Winston Churchill erzählte einmal von einem Faß Wein, das man den Unteroffizieren seines Regiments gegeben hatte. Auf die Frage, wie der Wein gewesen sei, sagte er: „Gerade recht.“ – „Wieso ‚gerade recht’?“ – „Nun, wäre der Wein etwas besser gewesen, hätten ihn die Offiziere getrunken, wäre er etwas schlechter gewesen, hätten auch wir ihn nicht trinken können.“

Es könnte sein, daß Dr. Alfons Gorbach, der nach dem Rücktritt Raabs am 11. April österreichischer Bundeskanzler werden soll, ein ähnliches ‚Gerade recht gesprochen hat, als er den Ausgang der Wahlen im Bundesland Steiermark analysierte – das wichtigste politische Ereignis an der Schwelle seiner Kanzlerschaft. Die Volkspartei hat nämlich in dem an Ungarn und Jugoslawien grenzenden Bundesland zum erstenmal wieder einen kleinen Erfolg errungen.

Wäre er ausgeblieben, die Position Gorbachs gegenüber seinen sozialistischen Kollegen hätte sich von Anfang an schwierig gestaltet, wäre er aber viel massiver ausgefallen, so hätten die Verfechter der Theorie vom „koalitionsfreien Raum“ dem neuen Kanzler das Leben möglicherweise sehr dornenvoll gemacht. Darunter sind in Österreich Menschen zu verstehen, die die etwas naive, aber nicht unpopuläre Ansicht vertreten, man könnte zwar mit den Sozialisten eine Regierung bilden, sie aber dort, wo man anderer Ansicht sei, im Nationalrat mit Hilfe der Freiheitlichen überstimmen.

Bereits dieses eine Streiflicht auf die politische Situation zeigt, daß der designierte Bundeskanzler eine sehr schwierige Situation zu meistern hat. Raab hat die Zügel lange schleifen lassen, sein großes Prestige verdeckte nach außen hin sowohl das Wirken der zentrifugalen Kräfte innerhalb der Partei als auch den Umstand, daß man in letzter Zeit entweder vor den Sozialisten zurückgewichen war oder schwierige Fragen immer wieder vertagt hatte.

Der künftige Regierungschef ist etwas, das es in Österreich – zumindest in der älteren Generation – nur selten gibt: Berufspolitiker. einem Land, wo man die hohen Regierungsstellen auf dem Umweg über Bauernkammern,Gewerkschaftssekretariate oder Anwaltskanzleien zu erreichen pflegt, hat er sich stets der res publica gewidmet. Er wird 1898 in Tirol geboren, die Familie zieht schon 1900 in die Steiermark, wo er in Graz das Gymnasium absolviert. 1917 verliert Gorbach in der zwölften Isonzoschlacht das rechte Bein, scheidet als Leutnant der Reserve aus der k.u.k. Armee aus und wird 1922 zum Dr. jur. promoviert. Sogleich begibt er sich in die Politik: Gemeinde, Stadtschulrat, Landesregierung. In den dreißiger Jahren wendet er sich mutig gegen die braune Gefahr – dies in dem Bundesland, wo die Nationalsozialisten besonders gute Chancen haben. Von 1938 bis 1943 ist er im Konzentrationslager, wo er von allen geachtet und von vielen bewundert wird. Es ist dort, daß er sich mit jenem Mann anfreundet, der gegenwärtig auf sozialistischer Seite die Schlüsselposition innehält: mit dem Gewerkschaftsführer Olah.

Im Herbst 1943 wird Gorbach aus dem KZ entlassen und als Metallarbeiter verpflichtet. 1944 kommt er wieder nach Dachau, wo ihn die amerikanischen Truppen befreien. Gleich nach dem Kriege wählt man ihn in den Nationalrat, dessen dritter Präsident er wird. Nach beinahe sechs Jahren zermürbender Haft zeigt sich, daß er unbefangen und ohne Ressentiments geblieben ist. Seine Mahnung zur Versöhnlichkeit wirkt, weil man spürt, daß hier nicht ein Wahltaktiker spricht, sondern ein Mann, der durch viel Leid klug und mäßig geworden ist.