Ohm Krüger, der Präsident von Transvaal, von dem es heißt, er habe mit sieben Jahren seine erste Antilope, mit elf seinen ersten Kaffern und mit vierzehn seinen ersten Löwen geschossen, pflegte als alter Mann zu sagen, wenn er auch nie eine Schule besucht habe, so habe er doch eines gelernt: Freund und Feind zu unterscheiden. Ob auch Dr. Verwoerd diese Fähigkeit besitzt? Angesichts seines Entschlusses, lieber das Commonwealth zu verlassen, als seine von allen angefochtene Apartheid-Theorie zu revidieren, muß man dies bezweifeln.

Südafrika hat 1931 zusammen mit Kanada und Großbritannien das Westminster-Statut akzeptiert. Die Südafrikanische Union ist also sozusagen ein Gründungsmitglied des Commonwealth. Australien und Neuseeland folgten wesentlich später, und erst nach dem zweiten Weltkrieg ist dann ein großer Schub neuer Staaten dazugekommen: Indien und Pakistan 1947, Ceylon 1948, Ghana und Malaya 1957, Nigeria 1960 – sie alle ehemalige Kolonien, deren Führer zumeist im Gefängnis gesessen hatten und deren Völker mit wenigen Ausnahmen schweren Blutzoll für die Freiheit hatten zahlen müssen. Sie alle sind freiwillig dem Commonwealth beigetreten, dieser erstaunlichsten aller Völkergemeinschaften, die Südafrika am 31. Mai ebenfalls freiwillig verlassen wird.

Auf der gleichen Konferenz, auf der Verwoerd diesen Beschluß faßte, erschien Erzbischof Makarios, der bis zur Jahresfrist erbittert gegen Großbritannnien gekämpft hat, und beantragte die Aufnahme Zyperns in das britische Commonwealth. Sierra Leone, Tanganjika, Kenia und Uganda sind die nächsten Anwärter. Welch seltsame Umschichtung !

Was wohl Cecil Rhodes‚ der englische Imperialist und südafrikanische Millionär, zu dem Beschluß gesagt hätte, den das Land, in dem er einst Ministerpräsident war, soeben gefaßt hat? Er, dessen Devise lautete: „Afrika britisch vom Kap bis Kairo“? Freilich, Ohm Krüger, der zwischen Freund und Feind zu unterscheiden vermochte, hatte zur Kategorie seiner Feinde schon immer die Engländer gerechnet. Die Engländer, die sich überall den Buren in den Weg stellten und ihnen das Land fortnahmen, das von jenen in eineinhalb Jahrhunderten erobert, gerodet und fruchtbar gemacht worden war.

Zornig hatten sich die starrköpfigen, stolzen Buren 1836 mit Bibel und Gewehr auf den großen Treck nach Norden gemacht, um fern von den Engländern ihrem eigenen way of life nachgehen zu können. Ohm Krüger hatte als Junge diesen schon fast zum Mythos gewordenen Treck mitgemacht. Er hat dann später erlebt, wie nach der Entdeckung der Goldvorkommen fremde Abenteurer – zumeist Engländer – zu Tausenden in das Land strömten und Städte gründeten, in denen der Mammon regierte und Korruption und Laster ihren Einzug hielten.

Und als Paul Krüger die Siebzig überschritten hatte, da brachen die Engländer 1899 den Burenkrieg vom Zaune. Sie hatten lange nach einem Kriegsgrund gesucht und ihn schließlich nicht gefunden, sondern provoziert. Als es endlich soweit war und die Ausgleichsuchenden im Parlament überstimmt worden waren, „da befand sich alles“ – wie Churchill in seinen Erinnerungen schreibt – „in jener heiteren und gehobenen Stimmung, wie sie bei einem Kriegsausbruch zu herrschen pflegt“. Die Bilanz des Krieges: Die Engländer brannten 30 000 burische Farmen nieder und sperrten 100 000 Frauen, Kinder und alte Leute in Konzentrationslager, von denen 20 000 dort starben.

Das schwierige Verhältnis der beiden europäischen Völker zueinander ist seit jeher das wahre Verhängnis Südafrikas gewesen. Wahrscheinlich ließe sich nachweisen, daß die unselige Apartheidsidee und die Überbetonung der Rassenpolitik im Grunde nur ein Aspekt der Differenzen zwischen Briten und Buren war. Eine der vielen Ursachen für den großen Treck, also für den Auszug der Buren aus der Kapkolonie, war ja, daß die britische Regierung die Rassengleichheit vor dem Gesetz einführte.