Von Johannes es Jacobi

Auch in Bonn wird Theater gespielt. Außerhalb des Rheinlandes liest man Wenig vom „Theater der Stadt Bonn“. Und doch werden allmählich größere Erwartungen darauf gerichtet als gemeinhin auf eine Bühne, die von 145 000 Einwohnern getragen wird. Denn die Bundeshauptstadt verzeichnet neben einem Drittel neuer Einwohner, die mit der Bundesregierung zusammenhängen, auch viele ausländische Besucher.

Wohin soll man abends in Bonn „ausgehen“? Den neuen Ministerialbürokraten müßte, was persönlichen Geschmack und Bildung anlangt, das Theater liegen. Angehörige der Universität dürften sich dafür interessieren. Aber auch ausländische Gäste könnten vermuten, daß in der Bundeshauptstadt eines Landes, das durch seinen Reichtum an Bühnen und eine große Theatertradition berühmt ist, etwas geboten wird. Was erwartet solche Interessenten, wenn sie an freien Abenden die städtischen Spielstätten in Bonn aufsuchen? Ich habe mir, ohne zunächst viel zu fragen, ein halbes Dutzend Vorstellungen angesehen, wie sie der laufende Spielplan anbot.

Nach einer Kletterpartie über ungewöhnlich steile Treppen erreicht man im Obergeschoß einen Theatersaal. 1949 war das städtische Theater zur Miete in das Dachgeschoß des „Bonner Bürgervereins“ gezogen. Dort vegetiert es noch immer. Während der Pausen stehen die Theaterbesucher auf den Treppen umher. Wer sich mit einem Getränk erfrischen will, findet die Möglichkeit dazu auf dem Flur eine Etage tiefer. Schlürft er dort seine Limonade aus dem Strohhalm, dann kann er kräftigen Männergesang hören, von einem Gesangverein oder von einer studentischen Korporation, die dort ihre Feste feiern. Der getäfelte Theatersaal sieht gar nicht so übel aus, wenn man auch von manchen seiner 771 Sitze nur Teile der Bühne sehen kann.

Für plötzliche Besucher aus dem bundespolitischen Bonn steht eine einzige Reihe zur Verfügung. Räumlich wie technisch ist die Bühne unzulänglich.

Das war sogleich zu erkennen an dem szenischen Kompromiß zwischen realistisch geschlossenen Wänden und offenem Plafond für Schillers „Kabale und Liebe“ – das Stück, das ich am ersten Abend meines Besuchs in Bonn sah. Eine Weile nahm mich der Spielelan gefangen, mit dem der Musikus Miller in seinem bürgerlichen Hause Ordnung schaffen wollte. Seine kuppelnde Ehefrau allerdings nutzte die komödiantischen Möglichkeiten ihrer Rolle wenig. Wenn sie nichts zu sagen hatte, sah sie den andern zu.

Mit dem Feuer der Jugend stürmte Ferdinand zu seiner Luise. Diese ließ eine „herbe Süße“ ahnen, aber die „Kunst“, mit der die Schauspielerin operierte, wollte nicht recht überzeugen. Immerhin war sie glaubwürdiger als die Lady Milford. Deren rollenbedingt „gebrochener Charakter“, der die Figur dem Zuschauer von heute näher bringt als die idealischen Liebenden, wurde mit Deklamationen zugedeckt. Je länger die Vorstellung dauerte, desto peinlicher zeichnete sich jenes konventionelle, kalte „Pathos“ als Bonner Schiller-Stil ab, das die Leidenschaft theatralisch serviert.