H. W., Kiel

Das hat es bisher noch nie gegeben: 8000 Arbeiter streikten, um ein Fußballspiel sehen zu können. Am vergangenen Mittwoch, genau um 15.30 Uhr, packten die Arbeiter der Kieler Howaldts-Werke – der größten bundeseigenen Werft – ihr Gerät zusammen, obwohl sie noch eine Stunde zu arbeiten hatten. Zu Fuß, mit Fahrrädern und mit Mopeds strömten sie durch die Pforten der Werftanlagen, um rechtzeitig zur Fernsehübertragung zu Hause zu sein.

Eine Delegation der Arbeiter hatte von der Werftleitung früheren Arbeitsschluß verlangt. Sprechchöre hatten diese Forderung nachdrücklich unterstützt. Die Werftleitung gestand ihnen ein Arbeitsende erst für 16 Uhr zu und außerdem sprach sie die Erwartung aus, daß die verlorene halbe Stunde später nachgeholt werden sollte. Darauf streikten die Arbeiter. Sie streikten nicht für mehr Geld, nicht für kürzere Arbeitszeit, nicht für längeren Urlaub, nicht für soziale Verbesserungen, sondern ganz einfach und simpel für die Möglichkeit, eine Fußballübertragung im Fernsehen miterleben zu können.

Man kann über diesen Streik nicht mehr mit der Bemerkung hinweggehen, das sei eben wahrer Fußballenthusiasmus, und schließlich habe es sich ja um ein Spiel um den Europa-Pokal zwischen dem Hamburger Sportverein und dem englischen Meister FC Burnley gehandelt. Zwar ist in anderen Betrieben nicht gestreikt worden, aber auch dort wurde „gefeiert“. Richtfeste mußten von den „Offiziellen“ unter sich abgemacht werden, weil die Bauarbeiter vor dem Fernsehschirm saßen. Kraftfahrer mußten an den Tankstellen warten, weil der Tankwart sich nicht vom Bildschirm losreißen konnte. Der Beispiele gibt es viele. Und beim nächsten großen Spiel wird, wenn auch nicht gestreikt, so doch an vielen Arbeitsstellen „gefeiert“ werden. In Zeiten der Vollbeschäftigung ist es ja ohne Risiko. Wenn die Kieler Werftleitung etwa die 8000 Arbeiter wegen des wilden Streiks auf die Straße setzt, dann würden an den Werfttoren bereits die Werber anderer Firmen stehen, um sie einzukaufen.

Das Fernsehen jedenfalls ist nicht bereit, die Sportübertragungen im Nachmittagsprogramm zu streichen. Dazu besteht nach Meinung von Sportkoordinator Robert Lembke keine Veranlassung. Im übrigen verwies Lembke darauf, daß Aufzeichnungen der Spiele abends wiederholt werden. Aber wer begnügt sich schon mit der Wiederholung?

In Kiel freilich glaubt man, der Streik habe noch ganz andere Hintergründe, wenn man es auch nicht sicher beweisen kann. In der schleswigholsteinischen Landeshauptstadt wurde die Vermutung geäußert, daß der Unwille der Kieler Arbeiter von „drüben“ etwas geschürt worden sei. Streik aus sozialen Gründen ziehe nicht mehr. Also suche man andere Gründe. In Kiel erinnert man in diesem Zusammenhang daran, daß unter den Werftarbeitern noch immer eine kräftige illegale kommunistische Zelle arbeitet...

Die IG Metall allerdings hat die Vermutung, daß der Streik eine „politische Aktion“ sein könnte, scharf zurückgewiesen. Es sei völlig absurd, erklärte die Hamburger Bezirksleitung, diese Vorfälle, die in der Unzulänglichkeit einer internen Betriebsabmachung begründet seien, auf ein politisches Gleis zu schieben. Die Betriebsleitung habe sich psychologisch ungeschickt verhalten.

Der materielle Schaden jedenfalls, der durch den Streik verursacht worden ist, beläuft sich auf 100 000 Mark. Die anderen Konsequenzen dieses Streiks lassen sich zwar nicht auf Heller und Pfennig berechnen. Aber daß sie nicht gering zu veranschlagen sind, wird sich wohl schon beim nächsten großen Spiel zeigen, das während der Arbeitszeit über den Fernsehschirm übertragen wird.