Vom Wesen und Werden der deutschen Dichtung

Seit 1951 sind 171 000 Exemplare einer wohlgemeinter Literaturgeschichte gedruckt und in Schulen benutzt worden, die den Titel Vom Wesen und Werden der deutschen Dichtung trägt und Georg Ried, Oberstudienrat an der Luitpold-Oberrealschule in München, zum Verfasser hat. Das Werk will vor allem die jungen Menschen an die Schönheit und Tiefe der deutschen Dichtung heranführen und trägt den amtlichen Vermerk: Aufgenommen in das Verzeichnis der Lehrbücher, die in Durchführung der Lernmittelfreiheit bezogen werden können (Bayr. Staatsministerium für Unterricht und Kultus). Es wird keineswegs in Bayern allein benutzt und ist ein instruktives Beispiel für die Zustände, die im deutschen Unterricht an höheren Schulen herrschen können.

Nicht Vollständigkeit bis ins Nebensächliche („Wissensballast“), sondern Vollgültigkeit des Erwähnten ist angestrebt. Schon die dem Buch angefügte Zeittafel für richtungweisende Werke und Daten zeigt, was der Verfasser für vollgültig hält. Luthers Bibelübersetzung kommt in ihr nicht vor, dafür aber „Volk ohne Raum“; drei Werke der Romantik insgesamt werden genannt und finden sich in hoffnungslosem Hintertreffen, überflügelt von Ina Seidel, Ernst Jünger, Hermann Hesse und Ernst Wiechert. Die „Wahlverwandtschaften“ erscheinen darin so wenig wie der „Wilhelm Meister“, so daß der ahnungslose Schüler sie für weniger bedeutsam als Stehrs bodenverbundenen „Heiligenhof“ oder Kolbenheyers „Paracelsus“ halten mag, welche mit anderen, des Verfassers Bildungserlebnis bestimmenden Werken als offenbar richtungweisender angesehen werden.

Allein es wäre unrecht, die Betrachtung des feinen Büchleins auf die in jedem Sinne einseitige Zeittafel zu stützen, die nur eine erste, vom Text des Ganzen bewahrheitete Ahnung vermittelt. Es hat fast alle Untugenden, vor denen ein Lehrer seine Schüler behüten soll. Eine der schlimmsten ist der Hang, Zensuren zu verteilen. Sie treffen den Minnesang ebenso wie die Ironie der Romantik, ganz zu schweigen von den modernen Autoren, soweit diese nicht von dem Ringen um echtes Menschentum getragen sind. Der Minnesang, so lernen wir, hat auch naheliegende Auswüchse gezeitigt. Sie liegen in einem ungesunden Nachahmen ausländischer Vorbilder – für den Verfasser hat Curtius den Begriff vom „Europäischen Mittelalter“ vergebens geprägt. Klopstocks Messias mangelt es an Anschaulichkeit und Spannung – womit die letztere in einem Schulbuch als poetischer Wert eingeführt wird. Tieck kommt nicht gut davon, denn seine und der Romantiker so weit getriebene Ironie zerstört jede echte Dichtung – womit Laurence Sterne und Jean Paul, die Erfinder der bei Tieck gerügten Einzelzüge, als mitgetadelt zu betrachten wären. Storm hat sich mit der stofflichen Beschränkung auf das Eheleben weiteren Welten dichterischen Gestaltens versagt. Er hat deshalb auch nicht zur Form des großen Romans gefunden. Womit sich das Rätsel stellt, weshalb so viel große Romane, von den „Wahlverwandtschaften“ bis zu „Effi Briest“, zu schweigen von „Madame Bovary“ und „Anna Karenina“, Eheromane sind.

Je näher man der Neuzeit kommt, um so häufiger und mißlicher werden diese Zensuren. Der Leser findet einige auf dieser Seite abgedruckt und erfährt, daß Thomas Manns „Zauberberg“ nicht hinausgelangt über eine anregende Materialsammlung; daß Mann überhaupt ein großartiger Schriftsteller, aber eigentlich kein Dichter sei. Arnold Zweig (der keineswegs in einem solchen Buch zu finden sein muß) nahm seine gegen die Kriegsmaschine zeugenden Beispiele recht einseitig ... ausschließlich von deutscher Seite. Musils großartig-unerschöpflicher „Mann ohne Eigenschaften“ gelangt auch nicht über eine zersetzende und oft quälende, wenn auch aufschlußreiche Analyse unseres Zeitalters hinaus. Kafkas Werk ist gefährlich verwirrend; bei Broch bildet die Wissenschaft des Verfassers...nicht die für ein Kunstwerk wünschbare Einheit mit diesem.

Natürlich gibt es auch gute Noten für Autoren, die nicht in Kalifornien lebend... dem deutschen dichterischen Anliegen der Gegenwart ziemlich fernstanden. Alle, die um echtes. Menschentum ringen (es wird viel gerungen), wie C. F. Meyer unnachsichtig an der Sprache meißeln, sich nichtwie Mann nur auf geschliffene Meisterschaft beschränken, sondern auch die ethisch gestaltenden Kräfte des Krieges herauszustellen suchen, dem flachen Durchschnittsmenschen ein betont ritterliches, Gentleman-Ideal entgegenhalten, überhaupt einen Stoff ins Zeitlos-Gültige heben oder auf eine höhere Ordnung ausgerichtet sind und auch seelisch-tiefe Töne finden, oder von denen wenigstens gesagt werden kann, Erzählerfreude, nicht religiöses Ringen ist ihr Anliegen – alle die haben bessere Aussicht auf eine befriedigende Einstufung.

Wir wollen uns hier nicht bei den dem Verfasser vielleicht selbst unbewußten Wurzeln seiner Weltsicht aufhalten. Mag er Binding und Grimm (einschließlich der „Erzbischofsschrift“) in seinem geistigen Privathaushalt für vollgültig und erwähnenswert halten; es bliebe seine Sache, solange er die vermeintlich im Namen der Gültigkeit ewiger Werte geübte stofflich sentimentale Betrachtungsweise nur für sich betriebe. Indem er sie zum Prinzip eines in die deutsche Dichtung einführenden Schulbuchs macht, wird sie unerträglich. Ein Buch, das Goethe, George und Pasternak miteinander vergleicht, das Thomas Mann, Kafka und Kasack als ausgesprochene Verfallsdichter gleichordnet, verstört das jugendliche Wahrnehmungsvermögen für geistigen Rang. Die pfahlbürgerlichen Zensuren lassen nichts von der Behutsamkeit ahnen, mit der allein zum begründeten Urteil über Poesie erzogen werden kann. Die Sprache schließlich, der kein Waschzettelklischee fehlt und der kaum eine Platitüde entgeht, wird niemals zeigen können, was dichterische Sprache sei. Wie kann ein Lehrer Deutsch unterrichten und in der Dichtung unterweisen, wenn er Sätze schreibt wie diesen: Der Kandidat Erich Spitta ist Künder der Kunstansicht Hauptmanns und gleichzeitig Sinnbildfigur für (!) den ewigen Gegensatz der Jugend zu ihrer Gegenwart und für ihr Ahnen davon (!), wenn (!) die Ratten unterm Boden der Zeit nagen.