Von Theo Sommer

Es kommt selten genug vor, daß Abgeordnete des Bundestages Bücher schreiben, obendrein sogar brillante Bücher. Noch seltener geschieht es freilich, daß derlei Werke in den Parlamentsdebatten eine Rolle spielen – und daß ausgerechnet die Sprecher der gegnerischen Partei dafür Reklame treiben. Letzte Woche jedoch ist eben dies einem Buch widerfahren, das der Hamburger Abgeordnete Helmut Schmidt vor kurzem im Seewald-Verlag zu Stuttgart herausgebracht hat. Es heißt "Verteidigung und Vergeltung", kostet 16,80 Mark und lag am vergangenen Mittwoch, bei der Debatte über den Wehrhaushalt, stolze 290 Seiten stark auf vielen Pulten des Plenarsaales.

Schmidt, der im Parlament zur besseren Unterscheidung von seinen gleichnamigen Kollegen aus Gellersen und Wuppertal als Schmidt-Hamburg firmiert, hatte am Vormittag das neue und wahrhaft revolutionäre strategische Konzept der Sozialdemokraten dargelegt. Seine Rede besaß Niveau: Sie war sachlich, kenntnisreich, wohlformuliert und bemerkenswert frei von jener zuweilen ans Demagogische grenzenden Lust zur Polemik, die dem Hamburger Abgeordneten auch den Beinamen Schmidt-Schnauze eingetragen hat. Ein Beiname übrigens, den er in verzeihlicher Eitelkeitsanwandlung keineswegs für deplaciert hält, wie er es auch lächelnd hinnimmt, daß man in Bonn der Eindeutigkeit halber den SPD-Professor Carlo Schmid den "weichen Schmid", ihn selber aber den "harten Schmidt" nennt.

Der "harte Schmidt" also hatte am Vormittag das Wort zur Wehrpolitik ergriffen. Am Nachmittag erklomm dann Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß das Podium, um dem Mann zu antworten, der gegenwärtig als Schatten-Wehrminister der SPD gilt. Strauß bescheinigte Schmidt gleich in den ersten Sätzen, er sei "ein bescheidener Mann, denn er hat es heute unterlassen darzulegen, daß seine von mir mit großer Aufmerksamkeit verfolgten Ausführungen eine Konzentration aus einem umfangreichen Werk sind ...

Nach den Worten "Er ist ein bescheidener Mann" ist im Bundestagsprotokoll "Heiterkeit bei der CDU/CSU" vermerkt, und aus den Bänken der Regierungsparteien fing der amtliche Stenograph auch den Zuruf "... geworden" auf. Beides ist verständlich, die Heiterkeit wie der spöttische Zuruf, denn die Reden des Abgeordneten Schmidt-Hamburg hatten vor gar nicht allzulanger Zeit noch ganz anders geklungen als jene vom vorigen Mittwoch. In der Tat läßt sich mit einer Fülle von Zitaten – vor allem aus dem Jahre 1958 – belegen, daß er seine Ansichten zur Wehrfrage mittlerweile einschneidend revidiert hat.

In der denkwürdigen Atomdebatte vom März 1958, da er die CDU/CSU durch kalte Provokation in helle Wut versetzte, polemisierte er gegen die Politik des Bundeskanzlers, die zum Eintritt in die NATO geführt hatte: "Die weiteren Stufen waren, das Freiwilligenheer, die Wehrpflicht, und die letzte Stufe sind jetzt die Atomwaffen. Wir fragen uns, was wird am Ende dieses Weges stehen Er dozierte, frei nach Gustave Le Bon, über die Massenpsychologie der Regierungsfraktion, nannte Strauß einen "gefährlichen Mann", erzählte von weinenden deutschen Offizieren beim NATO-Planspiel Lion Bleu und antwortete auf die Frage, ob er denn nicht wenigstens für die Luftabwehr Atomraketen zulissen wolle: "Nein, kategorisch nein, das wollen wir nicht!" Wenig später wütete er, selber ein gläubiger Christ, im Zeichen der "Kampagne gegen den Atomtod" auf Versammlungen gegen die "Politik der Raketenchristen".

Der Schmidt von 1961 ist freilich nicht mehr jener von 1958, und es wäre nicht nur unbillig, es wäre auch politisch unklug, wollten seine Gegner im Regierungslager versuchen, ihn noch immer in einem Gewand zu sehen, das er längst abgelegt hat. Es hat sogar den Anschein, als schäme er sich ein wenig seiner früheren Gefühlsausbrüche und Gefühlsmanipulationen. Auf Seite 12 seines Buches, in einer Fußnote versteckt, findet sich jedenfalls das Bekenntnis, er sei mitbeteiligt und mitschuldig gewesen an der Belastung der Wehrdiskussion "durch Gefühlsmomente, durch Assoziationen, durch Vorurteile". Inzwischen hat er viel dazugelernt, und man sollte ihm in einem Lande, in dem das politische Denken so wenig im Schwange ist wie in dem unseren, das Umdenken nicht zum Vorwurf machen. Die Emotionen hat er längst abgestreift; Wehrpolitik ist für ihn keine Frage der Weltanschauung mehr, sondern eine reine Frage der Zweckmäßigkeit.