Die Frau von heute ist ein zeitnahes, lebenstüchtiges und immer wißbegieriges Wesen, sagt beschwörend das Vorwort. Da die Frau von heute als zeitnahes Wesen in ihrem Urlaub (je nach Standesgruppe des Ehemanns) weit oder – nach Italien reist, weiß sie, daß es im Moment zum guten Ton gehört, nach der Reise alle lieben Freunde mit Gerichten zu überraschen, „die mir der Wirt in einem wahnsinnig romantischen Gasthaus selber aufgeschrieben hat. Da kocht man noch vollkommen echt! Die Küche sah aus – unbeschreiblich! Aber das Essen – ein Traum!“

Falls sich der Gatte jedoch leider im falschen Moment über „das Zeugs, mit dem einen diese Ausländer nur vergiften wollen“, beschwert hat, winkt als Rettung ein Kochbuch, das nach Reisen als Souvenir unschätzbar ist –

Marianne Berger: „So speist man rund um die Welt“; Europa Verlag, Zürich; 159 S., 4,– DM.

Das Vorwort dieser reichhaltigen Rezeptsammlung besagt auch: „Wo immer es möglich war, wurden die Originalrezepte beibehalten und ... in unseren Breitengraden ausprobiert und ihnen angepaßt.“ Danach liegen bereits die Schweiz und Österreich auf sehr entfernten Breitengraden.

Bei der als „Ungarisches Gulasch“ bezeichneten Speise wird der traditionelle Irrtum weiter verbreitet: Es handelt sich in Wirklichkeit um das Pörkölt, echtes Gulyas ist eine Suppe. Was beim „Szegediner Gulasch“ das Rindfleisch zu suchen hat, ist ebensowenig aus Breitengraden-Kochschwierigkeiten zu erklären wie Fehlübersetzungen, zum Beispiel: „Arroz à la Kubana“ als „Kalbfleisch nach Kubaner Art“ auszugeben – statt richtig: „Reis nach Kubaner Art“.

Doch da Psychologen das Lesen und Sammeln von besonders extravaganten Rezepten als Ersatzleistung für das Kochen betrachten, und da kaum ein Leser oder eine Leserin, die das Buch dennoch zum „Nach-Kochen“ benutzt, ein wissenschaftlich exaktes Nachschlagewerk erwartet, spielen Kleinigkeiten dieser Art keine Rolle. Sollten Bekannte das betreffende echte Rezept kennen, kann man sich mit dem Hinweis auf provinzielle Abwandlung des klassischen Rezepts aus der Affäre ziehen.

Erst nach der Lektüre dieses insgesamt erfreulich aufgemachten Kochbuchs sollte man aufschlagen –