Der Senatspräsident a. D. Walter Biedermann hat das Wort – Noch einmal antwortet Robert Neumann

Vorwort der Redaktion

Vielleicht erinnert man sich: Mitte voriger Jahres (DIE ZEIT Nr. 29/60) besprach Robert Neumann Winfried Schillings autobiographischen Schlüsselroman „Die Angstmacher“, ein Buch, in dem von trüben Erfahrungen mit der bundesdeutschen Justiz berichtet wurde: Schilling war 1956 verhaftet worden, weil einigen prominenten Nationalsozialisten, deren Namen er 1945 der französischen Besatzungsmacht genannt hatte, bei ihrer Verhaftung Wertgegenstände abhanden gekommen waren. Robert Neumann schloß mit der Anregung, der Staatsanwalt möge sich doch für den ehemaligen Hauptsturmführer, der in Schillings Roman den Namen „Drechsler“ führt, interessieren.

Wenig später ging ein Leserbrief in der Redaktion ein, der Neumann vorwarf, er wolle nur „honorierten Qualm“ machen, sonst hätte er, um die Aufmerksamkeit des Staatsanwalts auf „Drechsler“ zu lenken, keinen Artikel geschrieben, sondern sich direkt an die zuständigen Justizbehörden gewandt; Polemiken, wie die Robert Neumanns, fügte er hinzu, schüfen nur Gegner des heutigen Staates. – „Die Literaten haben es seinerzeit fertig gebracht, den Staat von Weimar weiten Dreisen so zu verekeln, daß ausreichende Kraft zur Abwehr Hitlers nicht mehr vorhanden war. Soll sich das wiederholen?“ Unterzeichnet: Walter Biedermann (Senatspräsident a. D.), Tübingen.

Diesen Brief unterbreitete die Redaktion Robert Neumann, mit dem Ergebnis, daß er im Oktober (DIE ZEIT Nr. 43/60) noch einmal auf den Fall zurückkam. Er hatte nämlich herausgefunden, daß Senatspräsident Biedermann 1956 als Richter selber mit der Sache Schilling befaßt war.

Der Vorwurf ist nicht gerechtfertigt

Mein von Herrn Neumann in der ZEIT Nr. 43 scheinbar vollständig wiedergegebener Brief ist in Wirklichkeit von ihm durch Weglassungen, mehrfach sogar mitten im Satz, um seinen Sinn gebracht worden, damit er eine Grundlage für sein Pamphlet bekam. Da er acht Zeilen meines Briefes zweimal abdrucken ließ, kann es ihm keinesfalls um Raumersparnis gegangen sein. Nur so wurde es Herrn Neumann z. B. möglich zu behaupten, ich wolle ihm vorschreiben, seine Anzeige bei dem Staatsanwalt zu erstatten, der die Anzeige des Schilling seit 1956 ignoriert habe. Vielmehr hatte ich anschließend ausgeführt, daß man sich, wenn der Staatsanwalt nicht zu ziehen scheine, vernünftigerweise an Generalstaatsanwalt und Justizministerium wende und nicht einen Zeitungsartikel verfasse, durch den der Übeltäter, den Herr Neumann selbst als fluchtverdächtig bezeichnet hatte, gewarnt werden konnte. Vor dieser und anderen umfangreichen Verfälschungen ist Herr Neumann nicht zurückgeschreckt, obwohl er selbst eine viel weniger bedeutsame Veränderung, die der Verlag des Schilling-Buches an einem von Herrn Neumann im Rundfunk gesprochenen Satz vorgenommen hatte, in der ZEIT Nr. 29 eine Unverfrorenheit nannte.