Von Neal Ascherson

Typisch für Dr. Hendrik Verwoerd war die Art, in der er seine Entscheidung traf, Südafrika aus dem Commonwealth herauszuführen. Es war am vorigen Mittwoch, am dritten Tag, an dem die Premierminister über die südafrikanische Rassenpolitik diskutierten. Der Sturm schien sich gelegt zu haben. Man war dabei, ein Dokument auszuarbeiten, das in starken, aber ziemlich allgemein gehaltenen Wendungen die Apartheid verdammte, im übrigen aber Südafrika genügend Möglichkeiten beließ, auch seine Ansichten noch beizusteuern. Dieses Dokument entsprach ganz Macmillans Vorstellungen. Es war so angelegt, daß es einen völligen Bruch mit Südafrika vermied, zugleich aber den Gegnern Verwoerds die Gelegenheit gab, ihren Völkern zu Hause zu berichten, sie hätten alles Menschenmögliche getan und wacker dreingeschlagen.

Aber am Mittwochnachmittag waren plötzlich alle Hoffnungen zerschlagen. Die afrikanischen und asiatischen Premiers fühlten sich zu der Erklärung gedrängt, daß dieses Dokument sie nicht daran hindern werde, auch in Zukunft die Politik der Regierung Verwoerd zu attackieren. Verwoerd, kühl und scheinbar unbewegt, bemerkte dazu, Südafrika könne nicht weiter einer schrankenlosen „Hexenjagd“ ausgesetzt werden und zog kurzerhand den Antrag auf Aufnahme der Republik Südafrika ins Commonwealth zurück. Als die südafrikanische Delegation den Raum verließ, blickte sich ein Mitarbeiter Verwoerds noch einmal um und sagte zu einem britischen Freund: „Sie wissen nicht, was Sie getan haben!“

Am Abend und am folgenden Tag beschlich ein Gefühl der Depression und der Ungewißheit auch jene Engländer, die sich besonders beredt für den Ausschluß Südafrikas eingesetzt hatten. Und mancher Commonwealth-Politiker fragte sich, ob wohl Dr. Verwoerd wußte, was er tat. Ein halbes Jahrhundert loyaler Verbundenheit, die Kameradschaft in den Schlachten zweier Weltkriege, enge kulturelle Bande – war es möglich, daß ein Mann dies alles so ruhig preisgab?

So die englische Geschichtsbetrachtung. Für Hendrik Frensch Verwoerd ergibt sich ein ganz anderes historisches Bild: Er sieht vor sich die Geschichte eines heroischen Volkes. Auserwählt wie die Kinder Israels. Auf einem Schicksalsweg, der sich hindurchwindet zwischen den Anfechtungen des Mammons, verkörpert durch die dekadente Toleranz englischer Geschäftsleute und der Bedrohung durch Mischehen mit den Barbaren, die die Reinheit der Buren zu vernichten trachten. Für Verwoerd war das Commonwealth ein Mittel, aber kein Selbstzweck. Solange es Südafrika – vor allem in der Verteidigung und für die Wirtschaft – gute Dienste leistete, war alles gut. Aber jetzt, wo, wie er meinte, der Nutzen nicht mehr überwog, da verließ er es ohne Gewissensbisse.

Dabei ist Verwoerd gar kein geborener Bure. Er ist in Amsterdam zur Welt gekommen, seine Eltern gingen als Missionare nach Südafrika. Er war damals noch ein kleines Kind. Mit anderen Worten: Er hat den Burenkrieg, der die ältere Generation der burischen Nationalisten entscheidend geprägt hat, gar nicht miterlebt. Seine Abneigung gegen die Engländer ist eher privaten Ursprungs: auf einer englischen Schule in Südrhodesien wurde der lernbegierige Junge als Ausländer gehänselt und gepiesackt. Mit 13 Jahren beschloß er, nach Südafrika zurückzukehren, um seinen burischen Landsleuten bei ihrem Versuch beizustehen, sich aus dem ersten Weltkrieg herauszuhalten. Damals hat ihn – so jedenfalls erzählt es Verwoerd selber – der englische Schuldirektor mit einem Fußtritt fünf Meter die Treppe hinunterbefördert, um ihm Patriotismus beizubringen.

Nach dem ersten Weltkrieg schlug er ein Stipendium in Oxford aus und entschied sich statt dessen für ein viel kärglicher dotiertes Stipendium in Deutschland. An den Universitäten Hamburg, Leipzig und Berlin studierte er Industrie-Psychologie. Diese Studienzeit war für etwa 30 Jahre sein letzter Auslandsaufenthalt. Als Professor für Angewandte Psychologie ließ er sich an der Universität von Stellenbosch nieder – einer Hochschule, die heute als die Wiege des südafrikanischen Nationalismus und der Apartheids-Ideologie gilt. Dort blieb Verwoerd von 1933 bis 1939.