Die Gesellschaftskritik, die in zahlreiche Lustspiele eingearbeitet ist, stößt in den meisten Fällen heute ins Leere, weil es jene Gesellschaft, die da aufgespießt wird, nicht mehr gibt. Es ist ein billiges Lachen geworden, das uns von der „klassischen“ Wiener Operette bis zu englischen Gesellschaftskomödien abgenötigt wird. Zwei Ausnahmen von dieser Regel wurden nun vom Fernsehen aufgegriffen – bemerkenswerte Sendungen: „General Quixotte“ von Jean Anouilh und „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco.

Die straffende Fernsehbearbeitung von Anouilhs Komödie um einen frühzeitig pensionierten General, der gegen „die Würmer“ im Staat konspiriert und die Herrschaft mutiger Eliten wieder durchsetzen möchte, auch die schnittige, verdichtende Bildfolge, die Peter Beauvais als Regisseur mit Anouilhs blitzendem Dialog zu verbinden wußte, diese einnehmenden Eigenschaften weckten eine Zeitlang die Hoffnung, daß es der Fernsehfassung gelingen könnte, den Abfall des Stückes in seinen dritten Akt, in die private Psychologie, aufzuhalten. Es gelang nicht. Trotz taktvoller Retuschen wurde Anouilh auch hier zunehmend geschwätzig und verlor sich in die „fröstelnden“ Stimmungen eines gelangweilten Frauenherzens, wobei der General als Mann vollends zur komischen Trauergestalt wird.

Doch im ersten Abschnitt wurde eine köstliche politische Komödie geboten, die die Phraseologie und die Denkgewohnheiten unserer Zeit von einer Gegenposition her bloßstellt. Der Wahrheitsgehalt und die Treffsicherheit dieser lachenden Kritik werden dadurch verstärkt, daß vieles, was der komische General an eigenen Argumenten vorbringt, sich durchaus hören lassen kann. Es mag veraltet sein, aber es hat Charakter. Der Enthusiasmus, mit dem Fritz Tillmann – weniger der Typ eines französischen Generals als eines älteren Herrn mit Temperament und Sinn für Nuancen – seinen Katechismus der Gegenrevolution dialogisch vorträgt, wirkte sich im Sinne poetischer Gerechtigkeit aus. Auch die Typen seiner Gesellschaft waren vorzüglich differenziert und im Ganzen ausgewogen.

Bleibt bei Anouilh, der sein Publikum hauptsächlich amüsieren will, das Politische ein Wirkungselement unter anderen, so ist Ionescos Tragikomödie „Die Nashörner“, so unterhaltend sich ihr Spiel anläßt, eine einzige bittere Pille. Im Rahmen einer Tierfabel – daß sich nacheinander alle Einwohner einer Stadt bis auf einen, Herrn Behringer, in Nashörner verwandeln – wird die Neigung des Massenmenschen der Gegenwart dargestellt, die eigene Verantwortung zu fliehen und sich beglückt in ein Kollektiv einzureihen, das schon deshalb recht zu haben scheint, weil sein Sog unwiderstehlich ist. Ionescos Allegorie trifft alle totalitären Gesellschaftsformen; sie umgreift aber auch unpolitische Mächte, denen in unserer Zivilisation jeder ausgesetzt ist; die Reklame, die Mode, die Denkschemen, wie sie von sozialen Masseninstitutionen verbreitet, werden.

Das Fernsehen war – gegenüber der Bühne; – mit diesem Stück in einer gewissen Verlegenheit: Irgendwie müßten die Nashörner, das dramatische Symbol, sichtbar gemacht werden. G. R. Sellner. verzichtete als bewährter Ionesco-Regisseur gleichwohl auf die Andeutung von tierischen Nashörnern. Sie hätten, in der Deutlichkeit des Fernsehbildes eine ablenkende Eigenkomik entwickelt. Sellners Erfahrung im fernsehgerechten Spiel mit menschlichen Köpfen und deren Mimik machte die Verwandlung ohnedies glaubhaft, zumal er das Wort zu fast plastischer Anschaulichkeit modellierte. Zwischen so treffenden Schauspielern wie Max Mairich und Joachim Teege wirkte Bernhard Wicki als Behringer freilich als eine Fehlbesetzung. Wicki strahlte als der letzte Mensch, der ein unordentlicher Kümmerling sein soll, soviel Eigenpersönlichkeit aus, daß Ionescos ironische Schlußpointe nicht treffen konnte. J. J.