Wie Träume einen manifesten und einen latenten Inhalt haben, ist auch ein Kunstwerk oft doppelschichtig. Allerdings ist die Zweideutigkeit nicht immer so offenkundig wie in

Georges Duhamel: „Théophile“, aus dem Französischen von Ernst Sander; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 152 S., 9,80 DM

dem neuesten Werk des 76jährigen Romandichters. Gleich zu Anfang werden die Leser durch einen Trick, der für den hinterhältigen Aufbau des Buches charakteristisch ist, darauf vorbereitet, daß in diesem Roman das Wesentliche unter der Oberfläche zu finden ist: Théophile Chédevièle, der Held und Erzähler, kann sich den Namen des Entdeckers der Psychoanalyse nicht merken. Man kann dieses Warnungssignal übersehen und noch eine Weile glauben, daß es einfach darum geht, einen seltsamen Kauz zu zeichnen. Darauf hat der Autor es wohl angelegt. Aber da er auf billige Geheimniskrämerei verzichtet, kann er den Bluff nicht lange aufrechterhalten. Nach ein paar Kapiteln läßt sich nicht mehr verheimlichen, daß die Exzentrizitäten Chédevièles und seine tollen Erlebnisse nur der Vorwand für ganz andersgeartete Auseinandersetzungen sind.

Die äußere Schicht der Handlung bringt Mord und Selbstmord, ein Komplott ostdeutscher Agenten, einen korrupten orientalischen Politiker und alles, was dazugehört. Aber hinter alledem steckt nichts anderes als die qualvolle Sehnsucht einer armen Seele nach den Segnungen der Religion.

Auch dieses Motiv wird schon auf der ersten Seite beiläufig angeschlagen. Theophiles Erzählung beginnt, scheinbar abrupt, mit dem Geständnis, daß das weltliche Treiben in der Peterskirche ihm jäh seinen Kinderglauben genommen habe. Seit jenem Tag in Rom ringt er um seinen Glauben. Die gelassene Zuversicht des überzeugten Katholiken hat er verloren, nicht aber das Streben nach Gott und religiöser Erkenntnis.

Theophile Chédevièle – oder Georges Duhamel – findet keine glatte Antwort auf die Skrupel und Zweifel, die ihn plagen. Das Buch endet nicht mit einem Ja, sondern mit einem „Vielleicht“. Die Fürbitte seiner gläubigen Schwester, die Rückkehr zur Kirche, ist Theophiles einzige Hoffnung, aber sein letztes Wort ist: „eine verzweifelte Hoffnung“. Ludwig Fürst