Von Dieter Sauberzweig

Die nationalsozialistischen Buchverbrennungen, die fast widerstandslose Gleichschaltung der Professoren und das allmähliche, kräftige Vordringen der faschistischen Ideologie in der Studentenschaft waren die Themen, die Dr. Dieter Sauberzweig in den ersten drei Folgen dieser Untersuchung behandelte. An den Hochschulen, so schloß er, gab es kein ausreichendes Gegengewicht gegen Hitlers studentische Parteigänger; die konservativnationalistischen Gruppen distanzierten sich zwar noch im Jahre 1932 von den Nationalsozialisten, weil sie für die Selbständigkeit ihrer Korporationen fürchteten, aber sie stellten sich nicht auf die immer schwächer werdende Seite der republikanischen Studenten.

Aber das alles war zu spät, um den Gang der Dinge aufzuhalten. Schon der 13. Deutsche Studententag, der 1931 die deutschen und österreichischen Studentenvertreter in Graz zusammenführte, hatte ein deutliches Übergewicht der NS-Studenten gezeigt und einen Nationalsozialisten zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Studentenschaft bestellt. Bereits 1930 hatten zum Beispiel von den 110 AStA-Sitzen der bayerischen Hochschulen 50 die Nationalsozialisten inne. Diese Zahlen entsprachen gewiß nicht dem Anteil der Nationalsozialisten unter den Studenten; aber die Vertreter des NS-Studentenbundes waren aktiv und nutzten mit legalen und unlauteren Mitteln jede Chance, Einfluß zu gewinnen. So eroberten sie die AStA-Sitze.

Auch in die Hochschulpolitik griffen die nationalsozialistischen Studenten jetzt in zunehmendem Maße ein. Als der Rassenforscher Günther gegen den Willen der zuständigen philosophischen Fakultät nach Jena berufen wurde, sprach der AStA der Universität dem Ministerium seinen Dank aus. Gegen den nach Königsberg berufenen jüdischen Dozenten Professor Feiler lief die Studentenschaft Sturm. In Breslau kam es wegen der Berufung jüdischer Professoren zu Gewalttätigkeiten. In Braunschweig wurden Dozenten, die der Sozialdemokratischen Partei angehörten, auf Betreiben des NS-Studentenbundes vom Kultusminister dieses kleinen, schon gleichgeschalteten Landes entlassen.

Jedenfalls konnte Hitler im Herbst 1931 erklären: „Wenn eines mich an den Sieg unserer Bewegung glauben läßt, so ist es der Vormarsch unserer Bewegung in der Studentenschaft.“ Wie recht er hatte, wurde 1932 auf dem 14. Deutschen Studententag in Königsberg deutlich: Die AStA-Vertreter beschlossen, die demokratische Verfassung der studentischen Selbstverwaltung abzuschaffen und an deren Stelle das „Führerprinzip“ zu setzen. Schon vor der Machtübernahme hatten also die Nationalsozialisten die wichtigen Positionen innerhalb der Studentenschaft eingenommen.

Nachdem Hitler zur Regierung gekommen war, wurde der Gegensatz, der zwischen dem NS-Studentenbund und den völkischen Verbindungen entstanden war, wieder überbrückt. Der Tag von Potsdam, der 21. März 1933, verfehlte seine Wirkung nicht: Als Hitler sich in der Potsdamer Garnisonkirche an den Särgen Friedrichs des Großen und des Soldatenkönigs vor Hindenburg verneigte, kam er den nationalistischen Vorstellungen entgegen, die weite Kreise beherrschten. Es blieb vor allem den Konservativen vorbehalten, auf diese Komödie hereinzufallen. So rief die Deutsche Burschenschaft im März 1933 ihre Mitglieder auf, allen Zwist zu vergessen, weil die Schmach von 1918 endlich beseitigt sei. Jetzt fand auch der Fla’ggenstreit ein Ende: Die Reichsfarben wurden wieder Schwarz-Weiß-Rot, und die Burschenschaft bedankte sich bei der Reichsregierung dafür, daß die burschenschaftlichen Farben Schwarz-Rot-Gold von dem „von wesens- und willensfremder Seite auferlegten Makel“ befreit worden seien.

Was wirklich gespielt wurde, merkten die Studentenverbände erst, als es zu spät war. Am 20. Dezember 1933 erklärte der Reichsführer der Deutschen Studentenschaft und des NS-Studentenbundes, Dr. Stäbel, in einer Rede: „Ich habe erkannt, daß ich bei der Schaffung eines neuen studentischen Gemeinschaftstypus alles Brauchbare einsetzen muß und bin überzeugt, daß in erster Linie die Korporationen ein brauchbares Instrument werden können. Die innerliche Unsicherheit der Korporationen wird verschwinden, wenn man ihnen wieder ein Ziel gibt. Das neue, große Ziel dieser Korporationen besteht darin, nun zu ihrer Arbeit als Traditionsgemeinschaft um als Erziehungsgemeinschaft in Zukunft noch nationalsozialistische Schulungsgemeinschaft zu werden, und ich bin davon überzeugt, daß die deutschen Korporationen diese Aufgabe durchführen werden. Ich lehne es ab, die deutschen Korporationen zu zerschlagen, weil ich einfach nicht in der Lage bin, etwas Besonderes an ihre Stelle zu setzen, und weil ich von ihrer Schlechtigkeit nicht überzeugt bin. Aber ich muß sagen, wenn sich im Laufe der Jahre herausstellen sollte, daß die deutsche Korporation diese Aufgabe nicht erfüllen kann, dann werde ich soviel Nationalsozialist sein, daß ich diese Gebilde zerschlagen werde. Dann ist auf der nationalsozialistischen Hochschule für sie kein Platz mehr.“