Reisende, die ahnungslos des Weges kommen, könnten glauben, es sei eine Talsperre, eir Riesensilo oder gar ein Atommeiler; in der Tat nennen es die jüngeren Bewohner der Umgegend ohne Sehet den „Atommeiler Gottes“ – jenes Gebäude, in dem Dörfler von Erl in Tirol nun wieder die Geschichte vom Leidensweg Christi darstellen.

Der Passionsspiele gibt es manche, doch das von Erl ist selbst neben dem weltbekannten von Oberammergau, welches 1960 zweieinhalb Millionen Besucher angezogen hatte, noch etwas Besonderes – und nicht nur, weil seine Tradition um rund dreißig Jahre älter ist. Im Tiroler Festspieldorf, das seine Passion seit 1613 als Dank an Gott für die Rettung vor Not und Seuchen aufführt, ist das Reglement der Teilnahme nicht so ausgeklügelt wie im Bayerischen. Das Gelübde ist dafür um so strenger: Niemand soll daran verdienen. Indessen haben die Bauern, Holzfäller, Handwerker und Arbeiter, die die Passion spielen, im Beruf auch ohne Andenkenindustrie und kommerzialisiertem Festspielbetrieb nicht zu klagen. Ihr selbstloses Spiel lockt heute so viele Fremde nach Erl, daß auch hier neue Beherbergungsstätten entstehen.

Der Bau des Festspielhauses, das über 1425 Plätze verfügt und 1959 eingeweiht wurde, zwang die Dörfler von Erl, das Passionsjahr auf drei Jahre auszudehnen, um die Baukosten rasch einzuspielen. Für 1961 sind 44 Aufführungen geplant – dann werden die biblischen Kostüme wieder für einige Jahre in den Truhen verschwinden, wo sie von 1932 bis 1959 unangetastet lagen.

Liebenswert an der Passion von Erl ist ihre Ehrlichkeit. Sie soll das sein, was sie seit Anbeginn war: bäuerliches Laienspiel. Freilich hatte es mit der Zeit einen so derben und grotesken Einschlag bekommen, daß Maria Theresia 1751 die Spiele schlichtweg verbot. Heimliche, nächtliche Aufführungen auf dem Dachboden einer Scheune waren die Folge.

Daß es zu solchen Verformungen der Darstellung – und auch zu andersartigen – heute nicht kommt, dafür will der Regisseur von Erl sorgen, Ernst Auer, einst Mitglied der berühmten Exl-Bühne. Sein Programm: „Ich veranstalte mit den Erlern keine Bibelstunde und gebe auch keinen Unterricht im Katechismus. Ich möchte aus den Erlern unter keinen Umständen so etwas wie einen Zirkus machen, sie sollen vielmehr das bleiben, was sie sind: einfache, natürliche Menschen.“ o. f.