Das Leben in der Bundesrepublik schien im Januar plötzlich billiger geworden zu sein. Das Statistische Bundesamt gab den Preisindex für Lebenshaltung für diesen Monat mit 103,6 an, nachdem er im Vorjahr immer um 123 gependelt hat. Doch diese „Verbilligung“ war – wir konnten es an unseren Haushaltsbüchern ablesen – nur ein Kunstgriff der Statistiker. Sie haben diesen Index, den wichtigsten Maßstab für die Preisbewegungen von Verbrauchsgütern, der Zeit angepaßt.

Indexzahlen oder Meßzahlen stimmen über längere Zeit nur dann mit der Wirklichkeit überein, wenn sich die Lebensgewohnheiten nicht verändern. Doch unsere Einkaufsgewohnheiten und unsere Ansprüche sind heute anders als vor elf Jahren im Jahre 1950, das bisher als Grundlage für den Lebenshaltungsindex diente. Die Meßzahl 123 stimmt also nicht mehr mit den Kosten für unseren höheren Lebensstandard überein. Die Statistiker mußten sich also, sollten ihre Berechnungen nicht wirklichkeitsfremd werden, eine neue Basis für ihren Index suchen. Ihre Wahl fiel auf das Jahr 1958.

Die Experten waren der Auffassung, daß die Gesamtentwicklung der Preise und Löhne im Jahre 1958 relativ am ruhigsten war. Von Bedeutung war außerdem, daß das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften in Brüssel sich entschlossen hat, das Jahr 1958 – das erste Jahr nach Inkrafttreten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft – zum Basis- und Bezugsjahr für die Statistik der EWG zu wählen.

Der für Januar 1961 errechnete Lebenshaltungsindex von 103,6 besagt also, daß die hierin erfaßten Preise gegenüber dem Jahr 1958 durchschnittlich um 3,6 vH gestiegen sind. Bezogen auf das alte Basisjahr 1950 betrug der Januarindex 123,9.

Dennoch, die beiden Meßzahlen sind kaum miteinander zu vergleichen. Da wir heute mehr Fleisch und Geflügel essen und weniger Brot, da Hausrat sowie Bildung, Unterhaltung und Erholung heute mehr Geld verschlingen, als wir vor zehn Jahren dafür aufbringen konnten, hat das Statistische Bundesamt gleichzeitig auch einen neuen „Warenkorb“ für eine durchschnittliche Lebenshaltung zusammengestellt. Die durchschnittliche Lebenshaltung errechnet sich aus einem Arbeitnehmer-Haushalt mit zwei Kindern, in dem nur der Vater verdient und über ein monatliches Bruttoeinkommen von rund 675 DM verfügt (gegenüber 360 DM im Jahre 1950). Etwa 570 DM werden von dieser Indexfamilie im Durchschnitt für die Lebenshaltung ausgegeben.

Den veränderten Lebensbedürfnissen wurde durch eine neue Gewichtsverteilung in den wichtigsten Ausgabepositionen Rechnung getragen. Hier konnte man auf die Erfahrungen der Wirtschaftsrechnungen . von Haushaltungen zurückgreifen, für die seit langen Jahren eine statistische Erhebung durchgeführt wird. Unabhängig von Vergleichsmaßstäben werden die Ausgaben so erfaßt, wie sie seit Jahren im monatlichen Etat des Familienhaushaltes anfallen. Die neue „Gewichtung“, wie der Statistiker den Anteil nennt, den einzelne Ausgabepositionen im Verhältnis zu den Gesamtausgaben haben, ist aus nebenstehender Tabelle zu ersehen.

Auf den „Warenkorb“ für Ernährung entfallen also von den 1000 Gewichten der Gesamtlebenshaltung nur noch 385 Gewichte gegenüber bisher 461 in dem alten Warenkorb von 1950. Dies besagt, daß der Anteil der Aufwendungen für Nahrungsmittel an den Gesamtausgaben von rund 46 vH im Jahre 1950 inzwischen auf etwa 38,5 vH zurückgegangen ist. Und das, obwohl sich die Ernährungsweise verbessert und verfeinert hat, die tatsächlichen Ausgaben für Lebensmittel also gestiegen sind. Eine Reihe von Waren, wie z. B. Markenschokolade, Obstkonserven, Weintrauben, Markenmilch, aber auch Schweinekotelett und Brathähnchen, sind neu in diesen „Warenkorb“ aufgenommen worden. Sogar fertige Mahlzeiten (Verbrauch in den Gaststätten) sind berücksichtigt.