Von Werner Ross

Die Altphilologie – mit ihrem älteren und edleren Namen die klassische Altertumswissenschaft – ist nun gut ein halbes Jahrtausend alt; wenn man will, kann man sie sogar bis zu den alexandrinischen Gelehrten der Ptolemäerzeit zurückführen, die ihren Homer auslegten. Es müßte als ein wahres Wunder erscheinen, daß nach soviel Forschung und Deutung immer noch Neues über einen begrenzten Zeitraum und eine begrenzte Anzahl von Autoren ausgesagt werden kann, wenn es nicht gerade das Wesen des menschlichen Geistes ausmachte, sich immer an den gleichen großen Gegenständen zu wetzen, zu schärfen und unverwechselbar zu prägen.

So ist denn zwar jede Homerstelle, jeder Horazvers mit einer Hypothek von Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten belastet, zugleich aber auch ein Arbeitsinstrumentarium höchsten Ranges und äußerster Feinheit, eine Methode von vorbildlicher Sachlichkeit und Strenge geschaffen worden.

Verständlich, daß diese Strenge gelegentlich als positivistische Pedanterie verlästert wurde – der entflohene Professor der klassischen Philologie Friedrich Nietzsche ist nicht unschuldig daran; aber ein Glück, daß die Altphilologie als Ganzes allen Anwandlungen einer zu eifrig auf große Linien und übergreifende Zusammenhänge bedachten „Geistesgeschichte“ widerstand. So stellen ihre großen Gelehrtenpersönlichkeiten jenseits aller Wissenschaftsmoden ein Kontinuum dar; und je ernster und reiner sich ihr Blick auf die Phänomene selber richtete, um so sicherer fiel ihnen eine „Modernität“, ein Zeitverständnis zu, das auch das Gegenwärtige an seinen richtigen Platz im Ganzen stellte.

Das hat sich seit den Tagen des großen Wilamowitz, seit der unvergeßlichen Lehre Werner Jägers und Karl Reinhardts nicht geändert. Noch immer verfügt die Altphilologie über die glänzendsten Köpfe, über die frischeste Vitalität. Ein eindrucksvolles Zeugnis solcher Schaffenskraft liegt nun vor in den gesammelten kleinen Schriften des Tübinger Ordinarius

Wolfgang Schadewaldt: „Hellas und Hesperien“ – Gesammelte Schriften zur Antike und zur neueren Literatur; Artemis Verlag, Zürich/Stuttgart; 1072 S., 64,– DM.

Freunde, Kollegen, Schüler haben den Band dem Sechzigjährigen als Geburtstagsgabe zugedacht; wir anderen dürfen bestaunen, wie umfassend und vielfältig diese in wenig mehr als dreißig Jahren entstandenen achtzig kleineren Arbeiten neben den Büchern über Homer, Pindar, Sappho, neben den Ilias-Studien und Tragiker-Übersetzungen das Lebenswerk verdeutlichen. Es ist leicht, ihre Spannweite zu rühmen, die zu den Griechen und Lateinern Shakespeare mit „Lear“ und „Hamlet“ gesellt, Winckelmanns Verhältnis zu Homer und Hölderlins Weg zu den Göttern untersucht, zwischen dem „Zerbrochenen Krug“ und dem „König Ödipus“ Verbindungslinien zieht und mit Bemerkungen zu Orffs Oratorien und Heisenbergs Darstellung der modernen Atomphysik den Bogen schließt.