Der Kreml zwischen Utopie und Realität: Sowjetische Pläne für das zukünftige Leben im Kommunismus (Schluß)

von Wolfgang Leonhard

Wolfgang Leonhard beschließt heute seine große Untersuchung der sowjetischen Vorstellungen vom Zukunftsleben im kommunistischen Endzustand. Er beschreibt, wie sich die Moskauer Ideologen Liebe, Ehe und Familie unter dem Kommunismus denken; welche Art von Erziehung sie den Kindern zuteil werden lassen wollen; wie durch die Ausbreitung des Kommunismus über die ganze Erde eine Weltkultur, eine Weltsprache und der Weltfriede entstehen sollen. Zugleich deckt Leonhard jedoch das Unvermögen der Sowjets auf, ihre futuristischen Ansprüche zu verwirklichen, und die Gefahren, die dem Kreml aus diesem Unvermögen erwachsen.

/geradezu sensationell ist die Tatsache, daß in Zukunftsberichten über die kommunistische Gesellschaft menschliche Probleme – darunter auch die Liebe – bedeutend ausführlicher und offener behandelt werden, als es sonst in sowjetischen politischen Zeitschriften üblich ist.

In den drei bisher vorliegenden Darlegungen über Liebe, Ehe und Familie wird übereinstimmend betont, die kommunistische Gesellschaft der Zukunft sei durch ein Aufblühen der Familie und durch die konsequente Monogamie charakterisiert. Laut Stepanyan wird in der kommunistischen Zukunft die „Familie nicht nur erhalten bleiben, sondern noch eine allseitige Entwicklung erfahren“. Sie wird sich durch eine „nie dagewesene Dauerhaftigkeit und Festigkeit“ auszeichnen. Die Sorge um die Aussteuer nimmt die Gesellschaft auf sich, man wird „aufhören, von Alimenten zu reden“, und damit werden „auch alle Gerichtsprozesse und Streitigkeiten auf diesem Gebiet ein Ende haben“.

Jegliche sexuelle Unmoral wird strengstens abgelehnt. Nach Professor Strumilin: „Jene, die bereit sind, von heute auf morgen aus einer Umarmung in die andere zu fallen, sind zu bedauern, denn sie wissen überhaupt nicht, welch tiefes und hinreißendes Gefühl gegenseitiger Anziehung zweier Herzen die individuelle Liebe ist. Sie ist ausschließlich und unteilbar.“

Auch A. Chartschew meint, daß „außereheliche Kontakte aus unmoralischen oder leichtsinnigen Motiven“ den moralischen Prinzipien der kommunistischen Gesellschaft widersprächen. Der Kommunismus werde „eine Periode der konsequenten Monogamie“ sein, die geistige, ethischästhetische Seite in der Ehe werde „eine weit größere Bedeutung erlangen als jemals zuvor“. Allerdings komme es selbst im Kommunismus noch zu Widersprüchen oder Konflikten in der Familie, „da die Harmonie in der Liebe keineswegs eine adäquate Widerspiegelung der sozialen Harmonie sei“.