Als Kriegsberichterstatter habe ich eine ganze Anzahl von Schlachten erlebt. Und doch muß ich beschämt gestehen, daß ich – selbst, wenn es mir gelang, sie zu beschreiben – nie richtig verstanden habe, wie sie wirklich verliefen. Ich bin überzeugt, daß es sogar den Generalen manchmal so geht. Wenn ich meine Erfahrungen auf diesem Gebiet zusammenfassen sollte, so würde ich sagen: „Schlachten sind eine große Unordnung, in die nur Kriegsberichterstatter ein wenig Ordnung bringen...“ Um diese wichtige Funktion des Kriegsberichterstatters zu schildern, will ich eine Episode erzählen. Es handelt sich um die „Seeschlacht im Kattegatt“.

Es war im April des Jahres 1940. Die deutschen Streitkräfte hatten auf ihrem Weg nach Norwegen das Kattegatt überquert: Ich war Zeuge dieser Ereignisse gewesen. Das heißt nicht gerade im Kattegatt, aber in Oslo, worum es damals ging. Genau vierundzwanzig Stunden, bevor das Land seine Grenzen schloß und sich von der Welt isolierte, war ich zufällig dort eingetroffen. Der italienische Gesandte hatte sich sehr gewundert, warum ich ausgerechnet nach Norwegen gekommen sei, das ruhig und verschlafen sich himmelweit von jedem Kriegsschauplatz wähnte. Ich hatte ihm erwidert, daß ich mich in Stockholm, nach dem Abschluß des Finnlandfeldzuges, gelangweilt und einen Luftwechsel vorgezogen hätte.

Um es genau zu sagen: Es war der 8. April 1940. An diesem Tage begleitete ich den Gesandten zum Skimuseum, und anschließend daran machten wir eine Spazierfahrt in die Umgegend von Oslo; für den Abend hatten wir eine Einladung zu einem Konzert in der französischen Botschaft, wo der berühmte Cellist Maréchal spielen sollte. Ich telefonierte meiner Zeitung, dem Corriere della Sera, daß ich mich zur Zeit in Oslo befände, und hinterließ eine Botschaft für den Chefredakteur, daß ich im Grand Hotel abgestiegen sei.

Am nächsten Morgen weckte mich schon um fünf Uhr das Telephon, und ich hörte die erregte Stimme des Stenographen aus Mailand: „Also, wie war es? Was ist geschehen?“ – „Wieso?“ fragte ich verschlafen. „Zum Teufel, stellen Sie sich doch nicht so an! Los, diktieren Sie!“

In Mailand war man schon über die deutsche Landung in Norwegen orientiert, während ich und mit mir die ganze Bevölkerung von Oslo noch ahnungslos im tiefsten Schlafe lagen. Es gab also nichts zu diktieren. Aber später hörte ich im Bett allerlei ungewohnte Trompetenstöße, eilte ans Fenster und sah, wie eine Abteilung von Luftwaffensoldaten, die vom Flughafen kam, von der Stadt Besitz ergriff. Ich stand, wie alle Norweger, im Pyjama mit einem Mantel über den Schultern am Fenster und sah zu. Dabei kam mir schließlich denn auch mein Chefredakteur in den Sinn, der jetzt wahrscheinlich noch schlief, aber um elf Uhr in die Redaktion gehen würde, um die Depeschen zu lesen. Sicher würde er erfreut ausrufen: „Alle Achtung, dieser Montanelli hat eine gute Nase gehabt! Ausgerechnet 24 Stunden vor der Landung der Deutschen ist er in Oslo angekommen! Wie hat er es nur fertig bekommen, diese Sensation rechtzeitig zu erfahren?“ Und natürlich würde er mich sofort ans Telephon rufen, um sich unterrichten zu lassen, wann und wie die deutschen Truppen gelandet seien. Und ich – was sollte ich darauf sagen?

Fünf Stunden fuhr ich also mit einem Auto, das mir der italienische Gesandte freundlicherweise zur Verfügung stellte, wie ein Irrsinniger auf der Suche nach Nachrichten kreuz und quer durch die Stadt. Ich erfuhr dabei, daß die „Blücher“ von einer norwegischen Küstenbatterie versenkt wurde, daß König Haakon und seine Regierung geflüchtet seien und daß ein gewisser Quisling die Macht übernommen habe. Mit gefülltem Notizblock war ich um elf Uhr wieder im Hotel. Tatsächlich meldete sich der Chef persönlich am Telephon. Er war so aufgeregt, daß er ganz vergaß, mich wegen meines guten Riechers zu loben. „Also los“, sagte er, „bitte alles der Reihe nach! Wieviel Verluste? Wieviel Einheiten?“

Ich brauchte nicht länger als fünf Minuten, das zu schildern, was ich wußte. Es entstand eine Pause. Dann hörte ich die Stimme meines Herren: „Ist das alles... ?“