b. k., Berlin

Der Staatsakt, den sich die Spitzenfunktionäre der Sowjetzone für den vor mehr als elf Jahren verstorbenen „großen deutschen Schriftsteller und Vorkämpfer aller deutschen Antifaschisten, Heinrich Mann“ ausgedacht hatten, begann im Haus der Ministerien, dem einstigen Reichsluftfahrtministerium.

Albert Norden, ehemaliger Redakteur der „Roten Fahne“, jetzt Propagandachef im Politbüro des SED-Zentralkomitees, und Alexander Abusch, einst Kollege von Norden, gleichfalls West-Emigrant zwischen 1933 und 1945, vor kurzem weggelobt aus der Ressortleitung des Kulturministeriums in das Amt eines der Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats, hielten die Laudatio vor einem exklusiven Auditorium. Es hieß, Heinrich Manns egitimes Vaterland sei die Deutsche Demokratische Republik, und deswegen sei seine Asche auch herbeigebracht worden.

Daß der zumeist im Schatten seines jüngeren Bruders Thomas Mann gebliebene Romancier und Essayist zu dieser von ihm bei Lebzeiten nie erwarteten Würdigung kam, verdankt er seiner Tochter Leonie. Sie lebt als Ehefrau des Schriftstellers Ludvik Askenazy in der Tschechoslowakei, und sie leugnet nicht, Kommunistin zu sein. Sie sorgte dafür, daß die Aschenurne des Vaters aus der kapitaistischen Wahlheimat Kalifornien über Prag nach Ostberlin in Marsch gesetzt wurde, wo sie nun als Reliquie der „Arbeiter- und Bauernmacht“ gleich leben dem Grabplatz von Johannes R. Becher auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof am Oranienburger Tor beigesetzt ist. Das an dieser Ruhestätte versammelte Kollektiv der großen Toten der sozialistischen Literatur – Becher, Brecht, Bronnen, Rehfisch – ist um einen Namen vermehrt.

Der Vorsitzende des Staatsrates, Walter Ulbricht, hatte dem düsteren Unternehmen, für das der Nationalrat der Nationalen Front, die Ostberliner Akademie der Künste, der sowjetzonale Schriftstellerverband und der unter kommunistischer Führung stehende Deutsche Kulturbund verantwortlich zeichneten, durch persönliche Teilnahme die nötige Weihe gegeben. Weil in allen autoritären Systemen Buch und Gewehr auf sinnige Weise miteinander vereinigt werden, schritt im Trauerkondukt, der sich vom Luisenplatz (Robert-Koch-Platz) über die Invaliden- und Chausseestraße zum Friedhof in Marsch letzte, eine Gruppe von 30 Offizieren der Sowjetzonen-Volksarmee im „Großen Dienstanzug“ mit Stahlhelm und Feldbinde voran. Ulbricht marschierte hinter der auf einem roten Seidenkissen ruhenden Urne dem Troß der Zivilisten voraus – zur Seite die sonnengebräunte, robuste Tochter Leonie Askenazy-Mann.

Die Kränze, die auf den Urnenplatz für Heinrich Mann gehäuft wurden, liegen so, als sollten sie auch noch eine Huldigung an Johannes R. Becher sein. Auf dem Platz, der mit einem bescheidenen Stein für Bertolt Brecht markiert ist, sproßt nur spärliches Vorfrühlingsgrün.