The Savage Eye – Das grausame Auge: Es ist ein „Film noir“, ein schwarzer Film aus den Staaten, preisgekrönt in Edinburgh, England, Venedig und Mannheim. Eine Montage von Bildern aus dem amerikanischen Alltag, oder vielmehr der freudlosen Seite dieses Alltags, in die die traurige Geschichte einer Frau hineinkomponiert ist, die einen erotischen Komplex hat, von ihrem Ehemann betrogen und schließlich geschieden wird.

Ein Film, der aus dem Rahmen des Üblichen fällt, weil er nur vier Schauspieler beschäftigt und im übrigen das Leben von Privatpersonen ins Scheinwerferlicht zwingt. Bilder dieser Art aus Amerika sah man schon in anderen Dokumentar- und Spielfilmen („Traumstraße der Welt“), allerdings nicht in dieser Dichte. Sie wurden in vielen klugen und weniger klugen Büchern beschrieben, zuletzt in Herbert von Borchs „Die unfertige Gesellschaft“. Der Film ist nicht so intelligent wie Borchs Analyse, er macht zu eilige Anmerkungen in philosophischer Verbrämung. Ob es am deutschen Text liegt? Er wirkt wie aufgesetzt. Schlagworte fallen wie: „Obszön ist der Tod“, „Niemand liebt niemand“. Über die Liebe wird immerzu gesprochen in diesem lieblosen Film, und ein brutal geäußertes Schlagwort über die erotische Lebensgier, „Selbstbefriedigung zu zweit“, entrüstet sich moralisch über Sex ohne Liebe, „ungeliebte Liebe“.

Das „grausame Auge“ der Kamera, richtiger, die indiskret eingesetzte Optik des Teleobjektivs – wir sahen auch im Kino schon Grausameres – ist manchmal verschwommen. Es hebt für die Betrachter aus dem amerikanischen Leben billige Unterhaltung heraus: Striptease, Catcher, Kostümfeste; auch religiöse Ekstase der Gesundbeter (mit allzu raschen, allzu simplen Kommentaren, jedenfalls in der deutschen Fassung). Oft ist der Text des unsichtbaren Sprechers, der sich sehr überraschend in diesem alles Göttliche negierenden Film als sich wissenschaftlich gebärdenden Schutzengel bezeichnete, gescheit. Manchmal orphisch. Blutende Menschen werden aus der Menge hervorgeholt, bei Verkehrsunfällen und Prügeleien, und wieder und überall werden Zuschauer angeleuchtet, lachende, küssende, kaugummikauende, trinkende, tobende, die Zeit „totschlagende“, sich zerstreuende. Bilder von schwarzem Humor, doch das Gelächter bleibt im Halse stecken. Dazu die Erläuterung: „Es gibt Handelnde und die, die Angst haben.“ Nun ja, wahrer ist: Es gibt Handelnde und Denkende, und Angst haben die einen und die andern, und öfter die Handelnden, weil sie weniger Zeit zum Denken und keine Stille und Ruhe kennen, in der Demut und Glaube wachsen können.

Die Absicht – wieder nach dem Text der deutschen Fassung zu urteilen – jener hilflosen, ja kranken geschiedenen Frau und den Betrachtern im Kino zu sagen: Seht hin, wie ihr lebt und wer ihr seid, erkennt euch selbst und eure Umwelt, dann werdet ihr das Leben besser bewältigen – diese Absicht ist zu respektieren. Doch ist es ein Film der kalten Berechnung. Aus der Retorte. Kein Kunstwerk; eine Mischung von Sozialreportage und klinischem Bericht. Die Bilder sind nicht immer zwingend, doch hat die Kamera rücksichtslos und besessen menschliche Regungen und Bewegungen belauscht, die sehr sonderbare Rückschlüsse auf den Geisteszustand der Beleuchteten (die Aufnahmen wurden in Los Angeles gemacht) und unsere Zeit zulassen. Skurrile Szenen in Kosmetiksalons, in Warenhäusern, Spielsälen, abstoßende vom perversen Umgang mit den von unverlangter Liebe geplagten Schoßtieren spiegeln die Einsamkeit, Leere und Hoffnungslosigkeit. Von dem jahrhundertelang das amerikanische Leben bestimmenden Optimismus findet sich hier keine Spur mehr. Der Film verdankt seine Wirkung nicht zuletzt der sehr sensibel arrangierten Musik von Leonard Roseman. Drehbuch und Regie: Ben Maddow, Sidney Meyers, Joseph Strick. In der unprofilierten Hauptrolle: Barbara Baxley. Erika Müller