Josef Müller-Marein:

Der Forschungsreisende Steinberg stammte aus Ars, jenem Städtchen im Westen der eleganten Wohnregion südlich von Prosperitas, die um die Jahrhundertwende besiedelt worden ist. Damals, als die neue Eisenbahn nach Prosperitas gebaut, schließlich auch noch die alte Landstraße verbreiten wurde, kam es bei den wohlhabenden Bürgern der Stadt in Mode, das Wochenende in den alten idyllischen Dörfern Pax und Ars zu verbringen, aus denen nach der Erfindung des Autos dann jene Villenkolonien wurden.

Steinbergs Vater war aus kleinen, aber ordentlichen Verhältnissen gekommen. Seine Vorfahren lebten alle in Sanitas doch obwohl sie täglich ihr Weg zur Arbeit nach Prosperitas führte, war ihre Welt eng: Prosperitas auf der einen, Exitus auf der anderen Seite. (Nach Exitus sind sie wohl alle nur einmal im Leben gekommen, genauer: nachher. So klein war damals ihre Welt!)

Als Steinberg, unser Forscher, aufwuchs, hatte sein Vater, der als Getreidehändler in Prosperitas prosperiert hatte, seine nachmals so berühmten Filmateliers in Pulchrum bereits gegründet, für die er aus Lux den Kraftstrom bezog. Noch heute erzählt Steinberg gern, daß sein Vater viel Geld aufbot, die Straßen zu verhindern, welche die Gemeinderäte von Ars, Pulchrum und Lux ins ruhige mittelalterliche Städtchen Lex bauen wollten. Noch heute führen alle Wege nach Lex ausschließlich über Pax, jenes gleichfalls alte, in vielen Kriegen oft zerstörte Städtchen: ein pittoresker Anziehungspunkt für die Ausflügler-Autobusse aus Prosperitas.

Bei dem Komfort, den die Steinbergs sich leisten konnten, ist es verständlich, daß der Sohn zunächst wenig Neigung hatte, die abgeschiedene Heimat zu verlassen. Sein Vater nahm ihn wohl alle Vierteljahre einmal im Auto nach Prosperitas, der rauchigen Industriestadt, mit, höchstens alle halbe Jahre auch nach Caritas im Norden, und nur alle Jahre durfte er nach Labor mitfahren, jener modernen Stadt am Ufer des romantischen Amor-Sees, wo der alte Steinberg eine Fabrik für das Filmmaterial errichtet hatte.

Diesen See aber lernte der junge Ars-Bürger um so besser kennen, als er zum Studium nach Mediocritas ging: Es war üblich, daß die jungen Semester nicht die Wege über das Gebirge benutzten, sondern sich in Labor einschifften und erst die kleine Insel im Amor-See umkreisten, ehe sie bei Zithermusik und Fackelschein die Windungen des Amorstromes hinauffuhren, bis sie an der „Steineren Bruck“ südlich von Mediocritas aus- und in die dort bereitstehenden Kremser einstiegen Da man zu Schiff dem Gesang und Wein kräftig zugesprochen hatte, pflegten auf der Kremserfahrt zur Universitätsstadt Mediocritas, wie man sagte, „viele schwarze Kater mitzufahren, deren Gewicht größer wurde, je mehr man sich der Alma Mater näherte“.

In Mediocritas war es auch, wo der junge Student zwischen Mensur und Mensa Gelegenheit fand, ein Kolleg zu besuchen, in dem der Professor (Steinberg vermutete später, es könne Professor Dr. Seneca gewesen sein) jenes Wort zitierte, das wie ein Blitz in die Seele des bis dahin so mittelmäßigen Studenten einschlug: „Per Aspera ad Astra!“