Frankfurt, Ende März

Die FDP nennt sich gern eine Partei von Individualisten. Aber es gab Zeiten, da der Individualismus für sie lebensgefährlich zu werden begann. Im Bundestag spaltete sich die Fraktion, und auch im Lande splitterte manches Grüppchen ab. Und die Landesverbände strebten auseinander. In Nordrhein-Westfalen gingen die „Jungtürken“ mit den Sozialdemokraten in eine Regierungskoalition. Damals machte die Partei Reinhold Maier zu ihrem Bundesvorsitzenden. Er sollte wieder zusammenfügen, was auseinandergeraten war. Es gelang ihm – wenigstens in den Anfängen.

Aber erst sein Nachfolger, Erich Mende, der selbst aus Nordrhein-Westfalen kommt und der von den inzwischen ruhiger gewordenen „Jungtürken“– wenn auch nicht ganz ohne Mißtrauen – toleriert, ja respektiert wird, brachte zu einem vorläufigen Abschluß, was Reinhold Maier begonnen hatte. Die Wasser beruhigten sich, wenn auch noch manche Unterströmung, wie sich in der vorigen Woche auf dem Frankfurter Parteitag zeigte, von Zeit zu Zeit an die Oberfläche drängt.

So verlangte Achenbach in Frankfurt die Einsetzung einer Arbeitsgruppe aus Vertretern der Bundesrepublik und der Sowjetzone, mit dem Auftrag, über die Modalitäten von Wahlen für eine freie verfassunggebende gesamtdeutsche Nationalversammlung zu beraten. Mende ist sich freilich der Fragwürdigkeit solcher Anregungen bewußt, wenn er auch weiß, daß er solche ideologischen Extratouren bis zu einem gewissen Grad tolerieren muß. Er führt die Partei – um den vielen Goethe-Zitaten des Parteitages ein weiteres hinzuzufügen – sacht seine Straße. Und diese Straße soll in eine Koalition mit der CDU/CSU münden.

Mende steuert seit langem einen stetigen, maßvollen Kurs und wird von Reinhold Maier und nun auch von der Autorität des ersten Bundespräsidenten dabei unterstützt. Diese, wenn auch sparsam dosierte Gunstbezeugung von Theodor Heuss ist für die FDP ein unschätzbares Kapital.

Die Partei, in ihrer Zuversicht durch den Ausgang der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen bestärkt, hofft bei der Bundestagswahl zehn Prozent der Stimmen zu bekommen. Optimisten reden sogar von zwölf Prozent. Ihr Hauptziel ist es, die absolute Mehrheit der CDU zu brechen. Denn eine „bewegende Kraft“, zu der Mende die FDP gerne machen möchte, kann die Partei eben nur sein, wenn der Koalitionspartner auf ihre Stimme angewiesen ist. Robert Strobel