Washington, Ende März

Stromlinie will der neue Minister für Verteidigung in die militärischen Anstrengungen der Vereinigten Staaten bringen. Tatsächlich glich die amerikanische Rüstung bisher ja eher einer gotischen Burg: Jeder Wehrmachtsteil errichtete seine eigenen trotzigen Türme und führte über die Zinnen bittere Kämpfe mit den Waffenkameraden von der anderen Fakultät, Der große Feldherr des Zweiten Weltkrieges, Dwight D. Eisenhower, dem Kennedy jetzt wieder seinen Generalstitel zurückerkannt hat, hatte es nicht vermocht, den Ehrgeiz der Generale zu zügeln. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft strebten sie getrennt danach, die Russen einzuholen und zu überholen. Unbestreitbare Erfolge, wie der gelungene Start der Rakete „Minuteman“, reiften auch im Schoße der militärischen Gewaltenteilung heran. Aber eine Reform an Haupt und Gliedern ist erforderlich, wenn zweierlei erreicht werden soll: Bereitschaft für bewaffnete Auseinandersetzungen jeder Art; Balancierung der Verteidigungsausgaben innerhalb der amerikanischen Wirtschaft.

Robert McNamara ist im Kennedy-Kabinett mancher Hinsicht der interessanteste Mann. Er war – einen Tag nach der Präsidentenwahl – gerade erst zum Generaldirektor der riesigen Ford-Werke in Detroit ernannt worden, als ihn der Ruf John Kennedys erreichte. Indem er – übrigens ein Republikaner – nach Washington übersiedelte, verminderte er sein Einkommen von einer halben Million Dollar jährlich auf etwa ein Zwanzigstel dieser Summe. Damit nicht genug: Er mußte auch seine Ford-Aktien verkaufen. Sein Millionenvermögen – das er sich selbst verdiente – ist nun in Wertpapieren angelegt, die von einer Bank neutral verwaltet werden, mit der Auflage, daß sie nicht in irgendein Rüstungsgeschäft gesteckt werden dürfen. Der Kongreß versteht da keinen Spaß.

So oft ich McNamara bisher aus der Nähe sah, machte er den Eindruck eines ungewöhnlich freundlichen, wohlwollenden, offenen, geistig wohlgeratenen Zeitgenossen mit dem dementen intellektuellen Schliff, der gewollt schüchtern wirkt und den man offenbar auf der Universität Harvard erwirbt. Kennedy selbst hat etwas davon. McNamara ist obendrein fast genauso alt wie sein Präsident, Jahrgang 1916, und wurde als Offizier im Zweiten Weltkrieg, wiederum ähnlich dem Präsidenten, hoch dekoriert – er allerdings für seine phantastische Verwaltungsleistung. Mit seiner randlosen Brille, der brüchigen Stimme und dem exakt gezogenen Mittelscheitel erscheint er wie ein Physikprofessor oder wie der kultivierte Leiter eines Landesfinanzamtes, der abends Plato liest. In der Tat soll McNamara diesem Laster frönen, wirklich war er Wirtschaftsprofessor in Harvard. Er ist lieber mit seiner Frau und den drei Kindern beisammen als auf Parties; er steht um sechs auf, erscheint zum Entsetzen der Pentagon-Sekretärinnen punkt sieben Uhr dreißig im Büro; er liebt die Schweiz und das Bergsteigen; er besitzt Selbstironie und wendet sie an.

Trotz seiner glänzenden Gaben, die ihn weit über den Durchschnitt ehemaliger amerikanischer Verteidigungsminister stellen, hatte Robert McNamara bisher wenig Glück. Sein Verkehr mit der Presse war von Anfang an etwas unsicher. Zu einer Art öffentlichem Skandal kam es durch die mißverständliche Interpretation einiger vertraulicher Erklärungen des Verteidigungsministers vor amerikanischen Journalisten. Gibt es nun eine Raketenlücke der Vereinigten Staaten, oder gibt es sie nicht? Das war eine Frage, die wochenlang im ganzen Lande erregt diskutiert wurde. Der Präsident selbst mußte auf einer Pressekonferenz dazu Stellung nehmen und konnte nur ausweichend antworten.

Während des Wahlkampfes hatte der Präsidentschaftskandidat Kennedy immer wieder Kritik an der Raketenpolitik der Eisenhower-Regierung geübt. Auf Grund der Analyse und der Indiskretionen amerikanischer Spezialisten, darunter auch einiger Generale, hatte Kennedy die These übernommen, daß es mehrere Jahre dauern würde, bis die Vereinigten Staaten in der Raketentechnik die Sowjetunion eingeholt haben würden. McNamara aber erklärte in jenem vertraulichen Gespräch mit Pressevertretern, bald nachdem er sein Amt übernommen hatte, daß auf Grund der Untersuchungen seines Ministeriums ein „missile-gap“ gar nicht existiere. Wohl stünden den Russen einige interkontinentale Langstreckenraketen mehr zur Verfügung; aber das gesamte Raketenpotential sei – insbesondere durch die neue Polaris-Rakete – dem russischen nahezu gleichwertig.

Es konnte nicht ausbleiben, daß die Republikaner Kennedys Wahlkampferklärungen hervorholten und ihm nun entgegenhielten, sein eigener Verteidigungsminister habe ihn widerlegt. Es soll daraufhin kritische Stunden zwischen dem Präsidenten und dem Sekretär für die Verteidigung gegeben haben. Die aufgeworfene Frage selbst ist in ihrer Substanz noch heute ungeklärt. Die gesamte Verteidigung der Vereinigten Staaten ist, wie so viele andere Probleme, noch im Stadium der Prüfung durch die neue Regierung. McNamara war seither vorsichtig mit Erklärungen und vertraulichen Mitteilungen.