Von Hans Gresmann

Nachdem wir diese Mitteilung gehört haben, hoffen wir inbrünstig, daß sie auch zutrifft.“ Es war der britische Außenminister Lord Home, der zu Wochenbeginn, am ersten Tag der SEATO-Konferenz in Bangkok, diesen Stoßseufzer in den siamesischen Himmel schickte. Ihm war eine Übersetzung des Prawda- Artikels vom gleichen Vormittag auf den Konferenztisch geschoben worden, worin – nach Tagen der besorgten Spannung – zum erstenmal die sowjetische Neigung durchschimmerte, jenen Lösungsvorschlag aufzugreifen, den die britische Regierung letzte Woche in Moskau unterbreitet hatte. Dieser Prawda-Artikel begrüßte eine Regelung des Laos-Problems am Konferenztisch an Stelle kriegerischer Auseinandersetzungen. „Konkrete Möglichkeiten“ seien dazu gegeben, sofern „alle Staaten sie zu erreichen suchen und nichts tun, was die Situation in Laos verschlechtern könnte“. Gewalt allerdings werde mit Gewalt beantwortet...

Zur gleichen Stunde etwa, da am Montag in Bangkok der britische Außenminister zusammen mit seinen Kollegen aus den anderen sieben SEATO-Staaten den Artikel der Moskauer Parteizeitung analysierte, fuhr am Weißen Haus in Washington der Wagen des sowjetischen Außenministers vor. Als Gromyko nach einer Stunde das Gebäude wieder verließ, erklärte er den Journalisten, der Präsident habe der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß der Laos-Konflikt durch eine Neutralisierung des hinterindischen Königreiches beigelegt werden könne. Und er fügte hinzu: „Es wäre gut, wenn unsere beiden Länder in dieser Richtung arbeiteten!“

Es wurde dies sogleich als eine Erklärung gedeutet, die zwar noch vieles im Vagen ließ, aber doch immerhin die Hoffnung rechtfertigte, der Kreml wolle einen Waffengang der Großen auf laotischem Boden nicht riskieren, sondern sich vielmehr das, was es bislang errungen habe, am Verhandlungstisch sichern.

Dies war in der Tat noch keine Entspannung, aber doch wenigstens eine leise Beruhigung nach einem Wochenende, an dem die Nachrichtenagenturen alarmierende Meldungen in die Welt geschickt hatten: Amerikanische Spezialeinheiten an der thailändisch-laotischen Grenze... der Flugzeugträger „Midway“ im Golf von Tonkin ... US-Marinetruppen auf dem Wege von Japan und Okinawa nach Laos... Alarmzustand für die Commonwealth-Brigade in Malaya... Wirklich, es sah aus, als werde sich der Miniatur-, Prinzen- und Bürgerkrieg von Laos zu einem Weltkonflikt weiten.

Washington jedenfalls hatte nicht den geringsten Zweifel daran gelassen, daß die USA militärisch intervenieren würden, sofern die Sowjetunion den Kompromißvorschlag nicht akzeptiere und statt dessen fortfahre, die auf die Hauptstadt vordringenden Pathet-Lao-Einheiten mit Kriegsmaterial zu unterstützen. Es war eine Politik der Stärke, die der junge Präsident kaum zwei Monate nach seinem Amtsantritt in dieser bedrohlichen Krise vorexerzierte. Eine Politik freilich, die mit der Dulles-Eisenhowerschen Konzeption nicht viel mehr als den Namen gemeinsam hatte. Denn die Entschlossenheit, notfalls auch vor dem „Rande des Abgrundes“ nicht zurückzuscheuen, war diesmal begleitet von einer taktischen Wendigkeit, wie man sie seit Jahren in Washington nicht mehr gewohnt war.

Dabei stand Kennedy, der sich – wie aus seiner Umgebung zu hören ist – seit drei Wochen, Tag und Nacht, kaum noch mit etwas anderem als der Laos-Krise beschäftigt, vor einem argen Dilemma. Er, der das Steuer der amerikanischen Südostasienpolitik schon bald nach seinem Amtsantritt herumgelegt hatte, war zunächst zum Gefangenen im Gestrüpp jener Bindungen geworden, die sein Vorgänger eingegangen war. Eisenhower hatte – reden wir nur von Laos – unter, Mißachtung der Neutralitätsbestimmungen des Genfer Abkommens von 1954 alles darangesetzt, dort ein rein „westliches“ Regime zu etablieren. Die Rechnung ging nicht auf. Die Gegenkräfte erwiesen sich als stärker. Und Kennedy, der gegen jegliche Schönfärberei immun ist, weil er selber die Diplomatenberichte von Ort und Stelle liest erkannte, daß in Laos Neutralität das Beste blieb, was für den Westen noch zu erreichen war.