Wenn er im Bundestag spricht, fesselt er sofort das Haus. Niemand hört ihm aufmerksamer zu als sein großer Gegner Konrad Adenauer. Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei ist der geborene Parlamentarier. Er, besitzt die Gabe der Rede wie wenige, und er mißbraucht sie nie. Er liebt die sachlichen Argumente; er hat eine Abneigung gegen leere Worte; er legt seine Gedanken so eindringlich vor den Zuhörern dar, daß sie sich ernsthaft mit ihm auseinandersetzen müssen. Erich Ollenhauer ist einer der klügsten Männer der deutschen Politik; auch hat noch niemand seine persönliche Lauterkeit angezweifelt.

Aber dieser Mann hat als Parteiführer kein Glück gehabt. Er hat nie die Probe ablegen können, ob er als Bundeskanzler ein staatsmännisches Werk zu schaffen vermöchte. Er wird vermutlich auch nie in die Lage kommen, eine solche Probe zu bestehen. Vielleicht wäre er ein ausgezeichneter Regierungschef geworden – nicht in dem Sinne, daß dann eine große schöpferische Kraft unser staatliches Leben in neue Bahnen gelenkt hätte, aber so, daß seine Fähigkeit des Ausgleichens die eigenwilligen Temperamente seiner Mitminister zu einer Mannschaft zusammengefügt hätte. Das zu erleben, ist ihm versagt geblieben.

Denn zweimal hat unter seiner Führung die Partei eine schwere Niederlage erlitten. Die Staatsbürger haben ihm die Gefolgschaft versagt. Ihm fehlt wohl ein letztes Maß von anzündender und mitreißender Kraft. Es gelang nicht, die Bundesrepublikaner davon zu überzeugen, daß er das Format habe, den Staat zu leiten. Es ist kein Zufall, daß von ihm kein Scherzwort, keine einprägsame Redewendung, kein Ausruf bitteren Zornes im Gedächtnis haften geblieben ist. So gesehen, gerät auch die Tatsache, daß er wohl Gegner, aber keine Feinde hat, in ein merkwürdiges Zwielicht. Erweckt nicht im staatlichen Bereich jede bedeutende Persönlichkeit, jeder entschiedene Wille, jeder zur großen Tat drängende Machtwille persönliche Feindschaft? Ollenhauers Charakterbild wird von der Parteien Gunst und Haß nicht verzerrt. Das ist viel oder wenig, je nachdem, wie man sich den Lenker unseres staatlichen Geschicks vorstellt.

Noch weiß man freilich nicht mit Sicherheit, ob ein Größerer die Niederlage hätte vermeiden können. Vielleicht waren die sachlichen Hindernisse zu groß, die einem Sieg entgegenstanden. Vielleicht hat Ollenhauer einfach kein Glück gehabt. Aber die Parteivorstände lieben, genau wie die Könige, jene Generale nicht sehr, die keine fortune haben. So hat seine Partei beschlossen, dem Staatsbürger ein anderes, ein jüngeres Kanzlerbild zu zeigen, von dem sie sich stärkere Anziehungskraft verspricht. Ollenhauers demokratische Redlichkeit ist stärker als sein Ehrgeiz, darum hat er sich gefügt. Er arbeitet zu seinem Teil daran, daß der Jüngere Erfolg habe.

Aber noch ist seine Laufbahn nicht zu Ende. Wie die Figur Ollenhauers in der Partei dastehen wird, wenn die Rechnung des Verstandes nicht aufgehen sollte, weiß heute noch niemand. Auf jeden Fall wird nach menschlichem Ermessen Ollenhauer Parteivorsitzender bleiben. Das Parlament wird nicht darauf zu verzichten brauchen, seine warme Stimme zu hören und sich in seinen Entschlüssen von ihm anregen zu lassen. Die Volksvertretung und unzählige Staatsbürger werden ihm auch in Zukunft aufmerksam lauschen. Und das ist wahrlich kein schlechter Ruhm für den Maurerssohn aus Magdeburg. Auch so kann er seinem Lande nützen. -an