Aus Brüssel kommt die schreckliche Kunde, daß der Doktortitel in den Institutionen der Europäischen Gemeinschaft ebenso wie auf Empfängen und Cocktailparties abgeschafft ist, einfach abgeschafft, zwar nicht durch obrigkeitlichen Erlaß, sondern durch Brauch und Sitte. Selbst ehrwürdige Herren aus Bonner Ministerien finden sich nach einiger Zeit damit ab, daß man sie nur noch schlicht mit ihrem Namen anredet. Ja, man sagt, daß verschiedene der promovierten deutschen Beamten nach mehrjährigem Aufenthalt Not hätten, sich wieder an die deutsche Anredeform zu gewöhnen.

Im Irrtum sind also die, die da meinen, die europäische Integration hätte nur etwas mit Zöllen und Märkten zu tun! Nein, auch die Sitten, die Formen des menschlichen Verkehrs werden durch das engere Zusammenleben der europäischen Völker verändert. Die Institutionen der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel sind für diese Art der menschlichen und sozialen Integration gewissermaßen die Experimentierstube. Man hat nicht immer den Eindruck, daß die Deutschen dem Gebiet des menschlichen Umgangs ebenso erfolgreich ihren Stempel aufdrücken wie der wirtschaftlichen Sphäre. So geriet denn der so teure deutsche Doktortitel schneller, als vielen lieb war, in den Schmelztiegel der gesellschaftlichen Integration; die Anredeformen unserer westlichen Nachbarn, die den Herrn Doktor nicht kennen, triumphierten.

Ob diese Nachricht von der Abwertung des Doktortitels in Brüssel und den ihm im Gemeinsamen Europa drohenden Gefahren Anlaß zur Gründung einer „Schutzvereinigung zur Respektierung des Doktortitels im Gemeinsamen Europa“ gibt? Oder wird sie vielleicht den Ansturm von Doktoranden an den deutschen (und österreichischen) Universitäten etwas mildern?

Eberhard Rhein