Von François Bondy

Brasiliens neuer Präsident, Janio Quadros, hat sich während der Wahlkampagne immer wieder darauf berufen, daß er ein Freund Fidel Castros sei. Quadros hatte kurz vorher Castro in Havana und Chruschtschow in Moskau besucht. Auf seiner Europareise indessen, die er nach seinem überwältigenden Wahlsieg antrat, sagte er den Empfang, den Harold Macmillan für ihn geben wollte, ohne jede Begründung ab und zeigte auch sonst kein Interesse an einer Begegnung mit einem westeuropäischen Staatsmann.

In Buenos Aires, wo sich ein Drittel der Bevölkerung Argentiniens zusammenballt, ist unlängst Alfredo Palacios in den Senat gewählt worden, der greise Linkssozialist, der die kubanische Revolution auf sein Banner geschrieben hatte. Ihn unterstützte jener Teil der Peronisten, namentlich unter den Gewerkschaftsführern, die zugleich auf Peron und auf Castro schwören und häufig nach Havana pilgern – obgleich in Kuba gerade die Gewerkschaften, denen eine andere Führung als die von ihnen gewählte aufgezwungen wurde, bereits offen gegen Castro demonstriert haben. Die Verschmelzung von Peronismus und „Fidelismo“ ist nicht ein Beispiel für „Extreme, die sich berühren“. Peron selber hat einmal in Sevilla erklärt, er sehe in Fidel Castro die Fortsetzung seiner eigenen Revolution. Daraufhin wurde er von der Franco-Regierung ersucht, auf spanischem Boden keine weiteren politischen Erklärungen mehr abzugeben.

Peru hat – als aus der kubanischen Botschaft Dokumente über grobe Einmischungsversuche in die peruvianische Innenpolitik bekannt wurden – die Beziehungen mit Kuba abgebrochen. Der Fidelismo ist dort beinahe illegal. Aber unter den jüngeren Intellektuellen des Landes – vor allem an der San-Marco-Universität in Lima, die nicht nur dem Vizepräsidenten Nixon, sondern auch André Malraux, dem französischen Staatsminister für kulturelle Angelegenheiten, einen unfreundlichen Empfang bereitet hatte, und auch in den Universitäten von Arequipa, Trujillö und Cuzco – ist Fidel Castro sehr viel populärer als Perus Präsident Manuel Prado oder gar als Ministerpräsident Pedro Beltran. Die Universitätsprofessoren, von denen keiner von seinem Gehalt leben kann, sind zum Teil stark oppositionell. In Lima habe ich erlebt, wie Studenten den rein literarischen Vortrag eines Journalisten, der zu den Anhängern der Regierung gehört, gewaltsam unterbrochen haben.

Brasilien, Argentinien, Peru – das sind mit fünfzig, zwanzig und zehn Millionen Einwohnern die drei volksreichsten Staaten Südamerikas. Während meines Aufenthaltes in mehreren Städten dieser drei Staaten ist mir der „Fidelismo“ besonders in seiner Anziehung auf die Intelligenz in manchen Formen begegnet. So haben in Brasilien die Studenten der Rechtsfakultät der Hauptstadt der Provinz Minas Generais Castro als Paten für ihre Promotion gewählt, und es gab eine große Enttäuschung, als Fidel seinen zunächst versprochenen Besuch absagte. Das französische Schriftstellerpaar Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren etliche Wochen in Brasilien, und zwar als Gäste der Universität Recife. Es war vor allem seine vorbehaltlos begeisterte Artikelreihe über Castro und dessen Revolution, die den Franzosen unter den Studenten in Brasilien große Sympathien sicherte. Brasilianer, die im öffentlichen Leben an einflußreicher Stelle stehen oder als Schriftsteller und Journalisten bekannt sind, haben mir erklärt, Castros Revolution sei – mit allen ihren Schwächen – ein Gewinn für Südamerika, und in dem Konflikt mit den Vereinigten Staaten sei die Sympathie der Lateinamerikaner ganz auf seiner Seite.

Was bedeutet politisch diese Ausdehnung oder Ausstrahlung des Fidelismo? Zunächst stellt sich die Frage, ob er als Regime übertragbar ist und ob er zum Vorbild werden kann. Für Castro selber ist das offenbar eine Schicksalsfrage; ein Fidelismo auf nur einer einzigen Insel entspricht nicht der Dynamik dieser Revolution, deren meisten Führer bereits an revolutionären Bewegungen in anderen lateinamerikanischen Ländern teilgenommen haben und von denen einer der bedeutendsten der Argentinier Che Guerava ist.

Bei allen seinen revolutionären Zügen gehört der Fidelismo freilich immer noch wesentlich in die lateinamerikanische Tradition des „Caudillumo“. Es soll zwischen dem General – dem Führer also, der den Volkswillen verkörpert – und den Massen keine Parlamente und andere „verfälschende“ Zwischeninstanzen geben. Das Haupt der Revolution ist ganz allein die Quelle aller Autorität. Seine augenblicklichen Eingebungen und Launen zählen mehr als die Gesetze – und vor allem mehr als eine Verfassung, deren Mißachtung in einem Lande wie Kuba zu traditionell ist, um tief zu schockieren. Ein Sieg des Fidelismo in einem anderen lateinamerikanischen Land würde jedoch die Herrschaft eines anderen revolutionären Caudillo bedeuten, der sich keineswegs verpflichtet fühlen würde, seine Macht derjenigen Castros unterzuordnen. In Brasilien etwa mag Janio Quadros durch seine unabhängige und beinahe neutralistische außenpolitische Linie eine Art Impfung mit einer milden Dosis Fidelismo bedeuten. Aber Brasilien, zehnmal volksreicher als Kuba und ausgedehnter als die Vereinigten Staaten, würde sich niemals von Castro fernsteuern lassen. Und das gleiche gilt auch für andere Staaten.