Von Wolfgang Ebert

Manchmal öffnet einem erst ein Verbot die Augen darüber, was vorher erlaubt gewesen ist und was man leider unachtsamerweise versäumt hat. So ergeht es mir mit den neuen Richtlinien der deutschen Sektion des internationalen Variete-, Theater- und Zirkus-Direktorenverbandes. Sie beziehen sich auf das Strip-Tease, jene aus Amerika importierte Form der freiwilligen Selbstentkleidung, und sehen auch in dieser Branche eine freiwillige Selbstkontrolle vor. Daß es viel schwieriger ist, sich selber Beschränkungen aufzuerlegen, als sich polizeilichen Verordnungen zu unterwerfen, liegt auf der Hand. Was es für eine Schönheits- und Strip-Tease-Tänzerin bedeuten muß, fortan ein Dreieckshöschen aus undurchsichtigem Stoff tragen zu müssen – in der Bundesrepublik und in Westberlin! –, das kann vielleicht nur eine Negerin ermessen, die bislang nackt durch den Urwald schlenderte und die nun von einem Tag zum anderen Kleider tragen muß, weil ihr Mann über Nacht Ministerpräsident geworden ist.

Auf der anderen, auf der Konsumentenseite kann man sich, bei geringer eigenäugiger Strip-Tease-Erfahrung, nur betroffen fragen, was denn vorher dort war, wo man jetzt, doch wohl aus recht durchsichtigen Gründen, undurchsichtiges Gewebe hinbeordert. Ist das noch Strip-Tease? – wird mancher Freund weiblicher Schönheit klagend ausrufen. Wird es so nicht seines ursprünglichen Sinnes entkleidet?

Schön ist das jedenfalls nicht, was man nun diesen Schönen auferlegt. So will man zum Beispiel mit diesen Richtlinien „Auswüchse“ bei Darbietungen in Nachtlokalen verhindern. Ich gehöre anscheinend zu jenen Menschen, die immer irgendwo zu spät kommen. Wenn ich doch nur geahnt hätte, daß in Nachtlokalen sogar Auswüchse geboten werden! In manchen von ihnen scheint es aber – ich halte mich an die Richtlinien – zu geradezu haarsträubenden Szenen gekommen zu sein.

Von nun an hat nämlich jede Berührung zwischen Tänzerinnen und Publikum – man höre! – zu unterbleiben. Da kann man doch nur entsetzt fragen: Wer hat hier wen berührt, und wer hat damit angefangen?

Immerhin scheint es sich bei diesen gegenseitigen Berührungen noch um eine vergleichsweise harmlose, fast kindliche Betätigung gehandelt zu haben. Vielleicht um das zarte Streicheln einer rot anlaufenden Glatze. Jedenfalls zählt man sie nicht zu jenen „Bewegungen und Gebärden, die aufreizen können“ und darum fortan ganz strikt untersagt sind. Erlaubt ist aber wohl noch die Frage, was man eigentlich unter aufreizenden Bewegungen und Gebärden verstehen und wo man die Grenze ziehen soll.

Wer von uns möchte in den nächsten Wochen in der Haut einer Strip-Tease-Tänzerin stecken, die Abend für Abend einsame Entschlüsse fassen muß. Jedenfalls: Wer in Zukunft aufreizen oder sich aufreizen lassen will, der darf das nicht durch Bewegungen und Gebärden tun. Der muß sich schon etwas Neues einfallen lassen.