Ein Besuch bei der „Deutschen Kommission in Verona

Von Hanns Meenzen

Verona, im März

Es trifft den Tatbestand nur ungenau, wenn die Außenstellen der deutschen Arbeitsverwaltung in Griechenland, Italien und Spanien als Anwerbezentren bezeichnet werden. Kein Beamter oder Angestellter dieser Ämter tritt irgendwo in den südeuropäischen Landschaften als Werber auf. Er kann nur Anforderungen deutscher Arbeitsämter an die zuständigen nationalen Stellen weitergeben, und er kann nur die Angebote dieser Stellen vermitteln. Sein Feld ist der Schreibtisch, der Posteingang, die Statistik und das von Tag zu Tag anschwellende Material der individuellen Unterlagen – doch davon später.

Im Centro di Emigrazione

Der Partner, mit dem die inzwischen auf 30 Deutsche und 60 Italiener angewachsene Deutsche Kommission in Verona ebenso reibungslos wie flüssig zusammenarbeitet, ist das Centro di Emigrazione. Beide Ämter benutzen seit einigen Wochen gemeinsam einen großen lichtdurchfluteten, durch hohe Fenster und Portale charakterisierten Neubau in der Via delle coste, wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt; beide sind zusammen mit der Außenstelle in Neapel bemüht, den Strom der italienischen Arbeitskräfte nicht abreißen zu lassen, der sich in diesen Frühlingstagen über den Brenner ergießt. Die einen, weil er wesentlich dazu beiträgt, die Fortschrittsrate des westdeutschen Sozialprodukts zu gewährleisten, die anderen, weil im Rückstrom einige Millionen Mark dazu beitragen, auch den Lebensstandard in den unterentwickelten Gebieten Italiens zu heben.

Will man sich ein Bild davon machen, wie sehr der Strom derer angeschwollen ist, die täglich in München die Sammeltransporte verlassen, so genügen zwei Vergleiche: von Januar bis März 1960 wurden 17 400 Italiener, mit Legitimationskarten ausgerüstet, über die Alpen transportiert, in diesem Jahre im gleichen Zeitraum über 40 000. Mitte März 1960 lagen in Verona 17 000 Vermittlungsaufträge vor, Mitte März dieses Jahres 39 000. Addiert man Transporte und Aufträge, so ergibt das für das Frühjahr 1960 eine Ziffer von rund 35 000, für das Frühjahr 1961 eine solche von etwa 80 000. Diese Daten entsprechen auch ungefähr der Prognose der Arbeitsverwaltung, wonach das Vermittlungsergebnis des Vorjahres mindestens verdoppelt, also auf etwa 200 000 gesteigert werden soll. Erinnert man sich der Tatsache, daß während des ganzen Jahres 1959 nur 25 000 Italiener vermittelt wurden, so wird deutlich, welche sprunghafte Entwicklung die Ausländerbeschäftigung in der Bundesrepublik durchmacht.