München

Aus der Werkstatt des an die Isar verschlagenen römischen Erzgießers Agosto Zuppa erblickte vor kurzem ein Standbild das Licht der Öffentlichkeit, das, kaum in Bronze gegossen, den Ärger der Münchner Stadtväter hervorgerufen hat. Es ist ein Denkmal, das den kurbayerischen Staatskanzler Wigulaeus Kreittmayr (1705–1790) darstellt, der als Verfasser dreier Gesetzesbücher und eines fünfbändigen Kommentars zum Kurbayerischen Landesrecht in die Landesgeschichte eingegangen ist. Von seinem Wirken zeugte bis in die dreißiger Jahre am Münchner Promenadeplatz ein von dem klassizistischen Bildhauer Schwanthaler geschaffenes Standbild. Schwanthalers „größte“ bildhauerische Hinterlassenschaft ist allerdings die überdimensionale Patrona Bavaria an der Oktoberfestwiese, die zum Symbol Münchens wurde.

Doch so sehr sich Kreittmayr um die Landesgeschichte auch verdient gemacht hatte, als Politiker erregte er besonders bei den Nazis Unwillen. Sie nahmen es ihm übel, daß er im bayerischen Erbfolgekrieg (1778–79) im Auftrag seines Kurfürsten Karl Theodor vermittelte und das bayerische Gebiet am Inn an Österreich „verhökerte“. Das ist eben jenes Innviertel, aus dem Hitler stammte. Wie aber hätte Kreittmayr voraussehen können, daß 150 Jahre später der Braunauer Diktator alle Anstrengungen machen würde, seine Heimat dem Reich einzuverleiben?

Jedenfalls wurde der kurbayerische Staatskanzler von den Nazis vom Münchner Promenadeplatz verbannt, und niemand weiß, wo sein Standbild verblieb. Da die Bilderstürmer schon einmal am „Aufräumen“ waren, schmolzen sie auch gleich die Standbilder von Orlando di Lasso und vom bayerischen Kurfürsten Max Emanuel ein.

Der Kulturreferent der Stadt München, Herbert Hohenemser, ein Mann, den man zum „königlichbayerischen“ Flügel der Sozialdemokraten zählen kann, ist nun seit längerem bestrebt, alle jene Denkmäler wieder erstehen zu lassen, die entweder dem Bombenkrieg oder aber den Hitlerschen „Bereinigungsaktionen“ zum Opfer fielen. Unter den Männern, die dem bayerischen Volke wieder ins Geschichtsbewußtsein gerückt werden sollten, hatte Hohenemser als einen der ersten den Staatskanzler Kreittmayr erwählt. So wurde denn der Bildhauer Alexander Fischer beauftragt, Ersatz für das von den Nazis verschleppte Standbild zu schaffen.

Als der für mehr als 20 000 Mark angefertigte Bronzeguß fertig war, begann der Ärger. Fischer hatte nämlich ein Standbild modelliert, das in keiner Weise an das alte erinnerte. Ein ansehnliches Bäuchlein und ein Buch in der Hand – Symbol seiner verdienstvollen Tätigkeit – entsprechen nicht gerade der landläufigen Vorstellung von einem Helden der Geschichte.

Als den Mitgliedern des Baukunstausschusses der bayerischen Landeshauptstadt das Nachbild vorgeführt wurde, zeigten sie sich zwar überrascht über die Ausführung, respektierten aber durchaus die künstlerische Freiheit, mit der es gestaltet worden war. Nicht so der Baurechtsausschuß, der ebenso wie der Kunstausschuß ein gewichtiges Wort bei der Genehmigung zur Aufstellung des Denkmals mitzureden hat. Er versagte dem Bronzeguß sein Placet. Kulturreferent Hohenemser hat nun sozusagen alle Hände voll zu tun, das Standbild doch noch auf seinen Sockel zu heben.

Er hat Gutachten angefordert. Eine Sachverständigenkommission aus prominenten Bildhauern soll darüber befinden, ob die moderne Auffassung Fischers dem Stilgefühl des Baurechtsausschusses wirklich widerspricht. Einstweilen können die Münchner die wohlbeleibte Exzellenz im Garten des Erzgießers Zuppa betrachten. Sie ragt bis ans Dach des modernen Einfamilienhauses am Englischen Garten und blickt trotzig auf die spottenden Spaziergänger herab. W. Kinnigkeit