Von Thilo Koch

Washington, Ende März

Präsident Kennedy war kaum sechzig Tage im Amt, da bescheinigte ihm die sensible und stets überwache öffentliche Kritik seines Landes, daß sein Honeymoon vorüber sei. Verschiedene Ursachen waren unerwartet frühzeitig so zusammengetroffen, daß bis zum Ende seiner politischen Flitterwochen nicht einmal die berühmten „Hundert Tage“ vergingen, die man hier im allgemeinen einem Präsidenten für das schwierige Geschäft des Weichenstellern in der heimischen und in der Weltpolitik zubilligt.

Abgesehen von einer Flut vorzüglicher Gesetzesvorlagen, von einem riesigen Arbeitspensum im Weißen Haus, von einer wachsenden Popularität – ist John Kennedy bisher faktisch weitergekommen? Gewiß, er hat mit ganz knapper Stimmenmehrheit den wichtigen Verfahrensausschuß im Kongreß in seine Hand bekommen. Aber er hat soeben auch eine für ihn schon aus der Wahlkampfzeit wichtige Entscheidung im Parlament gegen sich fallen sehen: sein Vorschlag, den Mindestlohn zu erhöhen, kam nicht durch. Eine einzige Gegenstimme gab den Ausschlag...

Außenpolitisch hat Kennedy bei den Verbündeten und auch innerhalb der Vereinten Nationen Respekt erworben. Aber wie steht es mit seinem so nobel und gründlich eingeleiteten Versuch, ein besseres, nüchterneres Verhältnis zur Sowjetunion zu finden? Die Russen schienen in der Kongo-Frage zu einem Kompromiß bereit – da wurde Lumumba ermordet, und wütende Angriffe in der UN waren die Folge. Ein erstes Treffen mit Chruschtschow schien in Aussicht zu stehen – nun lautete aber die Frage: Darf man es den Sowjets erlauben, gleichzeitig Hammarskjölds Kopf zu verlangen und Kennedys Herz?

Um Berlin blieb alles ruhig. Aber dafür begann das schwelende Feuer in Südostasien aufzuflackern. Kennedy erinnerte jetzt daran, daß im letzten Gespräch, das er mit Präsident Eisenhower führte, Laos die ernsteste Rolle spielte. Eisenhower ist für die Amerikaner der Friedenspräsident. Kennedy wäre der dritte demokratische Präsident, der einen Krieg begänne: Truman entschied sich, in Korea einzugreifen; Roosevelt trat in den zweiten Weltkrieg ein. Muß Kennedy nun in Laos das Risiko eines Krieges eingehen, ehe er noch sein leidenschaftlich angestrebtes Ziel erreicht hat, Amerika stärker zu machen?

Das Strahlend-Jungenhafte des neuen Präsidenten ist in den letzten Tagen ganz einem konzentrierten Ernst gewichen. Manchmal wirkt er geradezu bedrückt. Es gibt hier in Washington auch Stimmen, die von privaten Sorgen sprechen. Man rechnet nach, daß Mrs. Kennedy selten im Weißen Haus anzutreffen sei. In der letzten Woche ist sie drei Tage in New York gewesen, hat eingekauft und sich an der Seite Adlai Stevensons und ihres Schwagers, des Fürsten Radziwill, im Theater gezeigt. Am Freitag traf sie wieder in Washington ein, aber am Sonnabend schon verließ der Präsident die Bundeshauptstadt, um in Palm Beach (Florida) zu übernachten und am Sonntag in Key West Premierminister Macmillan zu treffen. Wann sehen sich die Ehegatten eigentlich, fragen manche – aber glücklicherweise knüpfen sie keinen Klatsch und keine hämischen Kommentare daran. Es ist allerdings kein Geheimnis, daß die schöne Jacqueline ihre Rolle als First Lady niemals angestrebt hat, obwohl sie sie anmutiger spielt als die meisten ihrer Vorgängerinnen.