Die Börsenreaktionen sind in den meisten Fällen übertrieben. Das trifft auch auf die Aktienkursbewegungen nach der DM-Aufwertung zu. Selbstverständlich muß bei den Kursen vieler Papiere der veränderten Exportsituation Rechnung getragen werden. Aber wahrscheinlich ist mehr eine Feineinstellung notwendig als ein Herumwerfen des Ruders um 180 Grad. Nun ist allerdings die gegenwärtige Börsentendenz nicht ganz unerklärlich. Die Öffentlichkeit wird in den letzten Wochen ständig bombardiert mit Klagen über die „verheerenden“ Aufwertungsfolgen, obwohl bei näherem Hinsehen noch niemand die tatsächlichen Auswirkungen einigermaßen exakt abschätzen kann. Natürlich sind die Vorstände der exportierenden Unternehmen im Augenblick nicht zu beneiden. Sie müssen sich mit ihrer ausländischen Kundschaft auseinandersetzen, die versucht, die sich aus der DM-Aufwertung für sie ergebende Verteuerung auf die deutschen Lieferanten abzuwälzen. Oftmals mit Erfolg, so daß die Gewinnmargen tatsächlich geringer geworden sind.

Auf einem anderen Blatt steht doch aber, ob diese Einbußen, von denen ein guter Teil vom Finanzamt mitgetragen wird, eine radikale Neubewertung der Aktienkurse notwendig machen. Und das kann in der Mehrzahl der Fälle verneint werden. Selbst den Verwaltungen der Eisen- und Stahlindustrie beginnt das ständige Abrutschen ihrer Kurse peinlich zu werden. Sie wissen natürlich, was in den Unternehmen steckt, und sie wissen auch, daß die Aufwertungsfolgen nicht zu niedrigeren Dividenden zu führen brauchen. Wenn die Entwicklung in den letzten Wochen so unbefriedigend verlaufen ist, so müssen sie sich aber an ihre eigene Brust klopfen, denn schließlich ist eine Vielzahl kleinerer Aktionäre durch ihre heftige Reaktion gegen die Aufwertung verwirrt worden.

Zeitweise war an der Börse ein deutlicher Zug von den Montan-Aktien zum Rentenmarkt festzustellen. Viele Kleinaktionäre der Eisen- und Stahlindustrie, an denen nicht nur die Hausse des letzten Jahres vorbeigegangen ist und die nun noch ansehen müssen, wie ihre Papiere erneut kräftig unter Druck liegen, haben ganz einfach „die Nase voll“. Wahrscheinlich ist diese Reaktion unvernünftig... Das sagen sich offenbar auch potente Stellen, darunter Investment-Fonds, die eine gute Gelegenheit sehen, sich billig mit renditestarken Papieren einzudecken. Die eigentliche Wertpapierspekulation hält sich vom Montanmarkt dagegen weitgehend fern. Es heißt: Montane kauft man aus Renditeerwägungen, nicht um mit ihnen schnelle Kursgewinne zu erzielen. Der Berufshandel beschäftigte sich in den letzten Tagen mit den Automobil-Aktien, vornehmlich mit Daimler und NSU. Aber auch die VW-Aktien profitierten von dem zunehmenden Interesse an Fahrzeugwerten. Bei Daimler gab es Gerüchte über eine Kapitalerhöhung 2:1 zu 100 vH, zu denen die Verwaltung wie folgt Stellung nahm: Die zuständigen Gremien haben sich mit dieser Frage noch nicht befaßt. – Das wertete die Börse nicht als ein Dementi, denn wenn sich irgendwelche Gremien erst offiziell mit einem solchen Problem befassen, ist es für die Spekulation. zu spät. Dann ist der Kreis der Mitwisser und Mitkäufer zu groß. Die Diskussionen über eine mögliche Kapitalerhöhung wurden ausgelöst, weil man sich Gedanken darüber macht, wie wohl die Daimler-Bilanz für 1960 und der Gewinnverteilungsvorschlag der Gesellschaft aussehen wird. Die „gläserne“ Gewinn- und Verlustrechnung wird deutlich machen, daß wieder gut verdient worden ist. Andererseits ist man nicht sicher, ob Neigung für eine wesentlich höhere Dividende besteht. Man könnte doch – so meint man an der Börse – dem Großbankenbeispiel folgen und den Aktionären ein lukratives Bezugsrecht als Verzicht auf eine ertragsgerechte Dividende anbieten. – Bei NSU spielte wieder einmal der Wankel-Motor eine kursbelebende Rolle. Man spricht erneut von bevorstehenden Lizenzabschlüssen. Kurt Wendt