1. Ausgerüstet mit ein wenig Kunstfertigkeit schreite man anfangs rüstig und zielstrebig aus; die Gegend ist lichtreich-schön und denkbar friedlich. Überfälle von Seiten wilder Tiere und Menschen sind nicht zu befürchten. Im übrigen richte man sich vertrauensvoll nach dem Sonnenstand, lasse den Kompaß in der Tasche und beschwöre seinen Genius: Gesetzesfurcht ist von Übel.

2. Auch der gemächliche Wanderer dürfte die Stadt des Wohlstands gegen Abend des ersten Wandertages erreichen; doch halte er sich keineswegs länger als eine Nacht in den Mauern dieses Sündenbabels auf, wähle zudem – das Beispiel Las Vegas vor Augen! – die bescheidenste Herberge und hüte sich ängstlich, die Wüstenstraße zur Linken und den Schotterpfad zur Rechten zu beachten. Letzterer führt zwar zunächst zum Ort der Gesundheit (der Ausdruck „sich gesund stoßen“ leitet sich, beiläufig, von diesem Schotterweg her), doch zugleich damit auch zum Tode – bis vor kurzem, als man noch Sinn für rechte Proportionen hatte, wurde er „Pfad der Hybris“ genannt. Merke: Athletopolis und Mortingen liegen nah beieinander.

3. Am Ende der Strohsacknacht ziehe man dankbar weiter: kein marxistischer Zynismus („nur wer im Wohlstand lebt...“) vermochte den Aufrechten zu bewegen, in der Zone des Wohlstands mehr als ein paar mönchische Erquickungsstunden zu verbringen. Von den Segenswünschen eines bärtigen Herbergvaters begleitet, schreite man fürbaß, benutze vor der Stadt Caritas die neue Umgehungsstraße (auf Automobile achten! Hupverbot!) und begebe sich ins Gebirge. Rilkes Gefilde breitet sich aus, man raste und lese die 10. Duineser Elegie.

4. Nun ist der schwerste Teil der Strecke erreicht; auf dem „Zwillings-Weg“ (die Engländer sprechen von „embryo-road“) gilt’s, die karstige Steinberg-Gegend zu passieren. Auf keinen Fall zu früh nach Südwesten! Nicht umsonst setzten zornige Götter vor die Liebe den Schweiß! Merke: wer Venusia, die Insel der Sirenen, betritt, kehrt nie mehr zurück.

5. „Ich aber will dem Mittelmaß zu“: so ist es richtig. Man überquere furchtlos, ohne sich um das Charons-Gesicht des Fergen zu kümmern, den Fluß, hinterlege den Obolos, wende sich nicht um, sondern erklimme die Stiegen und Trassen, die Stufen und Klippen des Steinbergs. An seiner südlichsten Stelle, zwischen U 1 und U 2, empfiehlt es sich zu biwakieren; doch sind Camping-Freuden tunlichst zu meiden. Merke: noch zweimal ist der Strom zu durchschreiten, ehe der Wanderer, am Mittag des dritten Tages, von der Hoffnungsbrücke aus, die hochgebaute Stadt des Mittelmaßes erblickt: eine El-Greco-Vision auf dem Scheitelpunkt des automatischen Jahrhunderts!

6. Die fünfte und letzte Überquerung des vielnamigen Flusses („river of love“, „Lethe“, „flumen sudoris“, „Rhein“) führt den Wandersmann an die Ränder der Wüste: Irrpfade, Schlammwege, sumpfige Höllen, dazu – von Karl May unübertrefflich beschrieben – „Steck-Männer“, Leute, die die Wegmarkierungen wortwörtlich ver-stecken, erwarten den unerschrockenen Fußgänger jetzt... auch Schakale, Vipern, Coyoten und anderes Getier; der große Geist des Llano estacado tut sich auf; die Furcht des Herrn aber trägt um so weniger zur Beruhigung bei, als man nicht weiß, ob „Timor domini“ genetivus objectivus oder subjectivus ist. Dennoch lasse man sich keinesfalls beirren, sei auch nicht erstaunt über die winzigen Ausmaße von „truth-village“, verglichen mit dem Pomp und Prunk der urbs prosperitatis. Merke: die Wahrheit liebt es, sich zu verbergen.

7. Die dritte Übernachtung, auf versengtem Boden, im kargen Schatten verbracht – die Sonne geht in diesen Breiten bekanntlich nicht unter: „im Angesicht des Wahren schmilzt die Nacht“ (Freiligrath) – lädt zur Meditation ein: dankbar erinnert sich der Wanderer aller überwundenen Strapazen. Nun, da Liebe und Tod hinter ihm liegen, hat er die wahre Glückseligkeit gewonnen, die Glückseligkeit eines Steins, die Glückseligkeit einer Maschine.