Der Besuch des britischen Schatzkanzlers Selwyn Lloyd in Bonn hat neben den Abmachungen über die Erleichterung der englischen Zahlungsbilanz ein weiteres, noch wenig bemerktes Ergebnis gezeitigt: die Bundesregierung zeigte in den Gesprächen mit Lloyd weit mehr Interesse für eine Beteiligung an den britischen Plänen eines europäischen Weltraumprogramms als in den Wochen zuvor. Eine britische Expertengruppe wird schon im April zu detaillierten Diskussionen in der Bundeshauptstadt erwartet.

Das neue Bonner Interesse für das europäische Erdsatellitenprojekt, als dessen erste Stufe die englische Blue-Streak-Rakete verwendet werden soll, verwischt den Eindruck, den Bundesverteidigungsminister Strauß vor drei Wochen mit seiner Äußerung erweckt hatte: „Wir sehen nicht ein, warum für dieses Geld mit der Blue Streak noch einmal dasselbe getan werden soll, was die Amerikaner schon getan haben.“ Strauß hatte sich schon während der jüngsten Visite seines englischen Kollegen Watkinson bemüht, diesen Eindruck abzuschwächen. Auf eine Frage Lloyds soll dann Professor Erhard letzte Woche klipp und klar erklärt haben: „Ja, wir sind an dem europäischen Weltraum-Projekt interessiert.“

Das Einlenken der Bundesregierung ist wohl zu einem guten Teil daraus zu erklären, daß es den Briten gelungen ist, den Verdacht auszuräumen, sie wollten die Blue Streak, deren Entwicklung für militärische Zwecke sie eingestellt haben, der europäischen Weltraumgemeinschaft lediglich „verkaufen“, um sie auf diesem Wege wieder als Waffe zu retten. In Wirklichkeit ist die Entwicklung des Lenkungssystems der Raketenspitze und der Gefechtsköpfe endgültig abgebrochen worden. Die vorgeschlagene weitere Entwicklung der Blue Streak als Satellitenträger brächte überdies keinerlei militärischen Nutzen.

Inzwischen hat die Bundesregierung anscheinend auch eingesehen, daß sie durch ihr Fernbleiben den Beginn eines europäischen Weltraumprogramms nicht verhindern kann. Die Briten und die Franzosen sind sich einig (Frankreich wird die zweite Raketenstufe beisteuern, während die dritte von den zwölf übrigen beteiligten Ländern entwickelt werden soll). Kann die Bundesrepublik angesichts dieser Tatsachen abseits stehen?

Zu dem Meinungsumschwung in Bonn haben offensichtlich auch kommerzielle Erwägungen beigetragen. In zwanzig Jahren werden zivile Nachrichten- und Fernsehsatelliten ebenso wie meteorologische Satelliten zum technischen Alltag gehören; die amerikanische Industrie arbeitet bereits an entsprechenden Projekten. Wenn die Europäer sich nicht bald daran machen, mögen sie 1970 oder 1980 leicht hoffnungslos hinterherhinken – um so hoffnungsloser, je länger sie jetzt zögern. Und sollte Europa wirklich in dieser Hinsicht ganz auf Amerika angewiesen bleiben? Wo bliebe übrigens die deutsche Industrie?

Die Briten argumentieren, mit einiger Berechtigung wohl, daß Europa nie wieder so billig zu einem eigenen Weltraumprogramm kommen werde – einem Programm, das es eines Tages doch wird anpacken müssen. Die bisherigen Entwicklungsarbeiten haben London 60 Millionen Pfund gekostet. Die weiteren Kosten werden auf 70 Millionen Pfund (etwa 840 Millionen DM) veranschlagt; davon wollen die Engländer ein Drittel übernehmen. Wollte Europa ganz von vorn anfangen, so müßte es binnen fünf Jahren 1,8 Milliarden DM für ein Weltraumprogramm ausgeben. Im übrigen steht derzeit schon fast ein Dutzend Blue Streaks auf dem australischen Raketengelände Woomera – auf Abruf zu haben.

Ein weiterer Vorteil, dessentwegen die Briten ihr Projekt anpreisen, läge darin, daß es der europäischen Industrie ermöglichte, praktische Erfahrungen im Satelliten- und Raketengeschäft zu sammeln und in gemeinsamer Anstrengung Dinge zuwege zu bringen, die die Kräfte der einzelnen Länder übersteigen. Auf diese Weise erst würde dann auch eine wahre Zusammenarbeit – auf der Basis wissenschaftlicher und industrieller Ebenbürtigkeit – mit den Vereinigten Staaten denkbar.

Daß den Briten durchaus an solcher Zusammenarbeit mit den Amerikanern liegt, muß in Bonn beruhigend wirken. Das europäische Weltraumprogramm soll auch nach den englischen Vorstellungen keine antiamerikanische Spitze erhalten. Im übrigen würde dies Programm Großbritannien in eine enge funktionelle Verbindung mit dem Kontinent bringen und den Weg für ähnliche Gemeinschaftsprojekte bahnen. Der britische Fahrstuhl in den Weltraum konnte sich denn auch als Fahrstuhl nach Europa erweisen. Wie es ein Brite ausdrückte: „Wenn wir Europa in unsere erste Etage hereinlassen, warum sollte sich Europa deswegen beklagen?“ Th. S.