G. Z., Frankfurt

In der letzten März-Nummer ihrer Verbands-Zeitung Metall konnten die Mitglieder der kampfstärksten Formation im Deutschen Gewerkschaftsbund, der Industriegewerkschaft Metall, schwarz auf weiß lesen, was ihr Vorstand amtlich und endgültig zum „Fall Brandel“ zu sagen hat: Kuno Brandel, bis vor kurzem Chefredakteur des Blattes, habe Vorstandsbeschlüsse nicht eingehalten und sich der notwendigen Disziplin und der Unterwerfung unter die Beschlüsse der Mehrheit entzogen. Der Getadelte freilich sagt zu der Verlautbarung der Zeitung, für die er noch in der vorletzten Nummer verantwortlich zeichnete: „Ich habe mich meiner Gewerkschaft gegenüber stets absolut loyal verhalten und nie gegen ihre Beschlüsse verstoßen. Es geht hier nicht um mein persönliches Verhalten, sondern um politische Differenzen.“

Im Hause der IG Metall am Frankfurter Mainkai ist keiner sonderlich glücklich, daß die Familiensorgen der „Metaller“ zum Thema des Tages geworden sind. Schon bei früheren Gelegenheiten hatte Metall-Chef Otto Brenner erklärt: „Selbstverständlich scheuen wir mit unseren Problemen nicht das Licht und die Kritik der Öffentlichkeit; wir glauben vielmehr, daß die vertrauensvolle Aussprache auf breiter Basis die Grundlage des Vertrauens zu unserer Organisation ist. Wir haben keine Geheimnisse, aber es gibt Dinge, die zum Wohl des Verbandes besser erst einmal in den eigenen Reihen geklärt werden müssen.“

Nach diesem Grundsatz war man zunächst auch bei den Auseinandersetzungen um den Metall-Chefredakteur und Leiter der Pressestelle, Kuno Brandel, verfahren. Denn einen „Fall Brandel“ gab es in der Gewerkschaft schon lange – nicht erst seit dem 14. März, als der Vorstand beschloß, Brandel aus seinen Ämtern zu entfernen. Bis zuletzt war allerdings versucht worden, den Hauskrach in den vier Wänden auszutragen. So begründete die erste Verlautbarung Brandeis Suspendierung schlicht und unverbindlich mit organisatorischen Veränderungen innerhalb der Gewerkschaft. Das ging jedoch nur so lange gut, bis Brandel offen erklärte, mit Umorganisation habe das alles gar nichts zu tun. „Hier geht es um tiefgreifende politische Differenzen.“ Welcher Art die Meinungsverschiedenheiten waren, erhellt ein Brief, den Brandel am 21. Februar an seine Vorstandskollegen schickte: „Die IG Metall muß mehr als bisher zu erkennen geben, daß sie unzweideutig auf dem Boden des demokratischen Staates der Bundesrepublik steht und gewillt ist, alles zu seiner Erhaltung und Verteidigung zu tun. Es ist, der IG Metall leider nicht im nötigen Umfang gelungen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, daß die IG Metall den heutigen Staat als die unantastbare Grundlage unseres staatlichen Lebens betrachtet.“

Kein Wunder, daß dieser Brief in der Metaller-Zentrale zu Frankfurt nicht mit Begeisterung aufgenommen wurde. Die Spannungen zwischen „links“ und „rechts“ in Otto Brenners Gewerkschaft ist schließlich kein Geheimnis. Man weiß zwar, daß sich Brenner selbst immer wieder um einen Ausgleich der unterschiedlichen Richtungen in seinem Verband bemühte, aber von Brenners Stellvertreter Wöhrle wird gesagt, er reibe sich schon seit langem mit dem „gemäßigten“ Brandel. Für die „Anti-Brandel-Fraktion“ in der IG Metall wurde Brandeis schriftliche Forderung, sich nicht nur zur Bundesrepublik, sondern auch zu deren Verteidigung zu bekennen, zum letzten Stein des Anstoßes.

Am 14. März kam eine Vorstandssitzung zu dem Ergebnis, Brenner solle die Pressestelle übernehmen, ein Redaktionskollegium jedoch die Leitung des Blattes. Der Beschluß drang vorzeitig an die Öffentlichkeit. Das Ende vom Lied: Am 22. März bestätigte der Beirat der Industrie-Gewerkschaft Metall – das höchste beschlußfassende Organ zwischen den Gewerkschaftstagen – Brandeis Amtsenthebung und begründete das nun mit „gewerkschaftsschädigendem Verhalten“ und „tiefgreifenden grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten“.

Das nun wurde der Sache eher gerecht. Als besondere Eigenmächtigkeiten wurden dem abgeschossenen Chefredakteur des Metall-Blattes verschiedene Dinge angekreidet, so seine Behandlung des Falles Roth. Harry Roth hatte in Hamburg vor einer SPD-Versammlung über „kommunistische Infiltration“ in den Gewerkschaften gesprochen und auch nicht mit Beispielen gespart. Während die IG Metall sich damit beschäftigte, Roth auszuschließen, bedachte ihn Brandel in seiner Zeitung mit Lob und Anerkennung. Weiter druckte er einen Artikel des SPD-Wirtschaftsexperten Dr. Deist, der bei der Metall-Gewerkschaft persona non grata ist. Und schließlich machte Brandel einen Alleingang in der Affäre August Thyssen-Hütte. Dort stimmten im Aufsichtsrat zwei Mitglieder der IG Metall für den Fusionsbeschluß mit Phönix-Rhei’nrohr – gegen den Willen der Gewerkschaft, die sich seit jeher gegen wirtschaftliche Machtkonzentration gewandt hat. Chefredakteur Brandel prellte vor und forderte die Hohe Behörde auf, diesem Zusammenschluß ihren Segen zu versagen.

Nun scheint es, als ob Brandeis „liberale Opposition“ gegen den „radikalen Flügel“ noch ihre Nachwirkungen haben wird. Zunächst einmal wehrte Brenner den Schlag Brandeis ab, der IG Metall fehle es an „Staatsbejahung“: für die letzte „Metall“-Nummer schrieb er zu diesem Thema. Schließlich aber will die Führung der IG Metall bald über die Themen diskutieren, die Brandel angeschnitten hat – jetzt allerdings im „trauten Kreise“.