Ein Blick in ein aktuelles Kapitel der Währungsgeschichte

Von Wilhelm Tischel

Nachdem sich die Wogen, die der Aufwertungsbeschluß der Bundesregierung geschlagen hat, wieder langsam glätten, scheint es angebracht, einen kurzen Blick in die Währungsgeschichte zu werfen. Findet man da ähnliche währungspolitische Beispiele? Nicht leicht – es zeigt sich sehr-schnell, daß die Aufwertungen oder Revalvationen in recht verschiedenen Gewändern auftreten.

Das klassische Beispiel

Da haben wir zunächst die Fälle der klassischen Aufwertungen. Anders als heute bei der DM geht es hier darum, eine infolge eines Krieges entwertete Währung wieder auf ihren alten Paritätswert zurückzubringen, in dem man das dazugehörige inländische Preisniveau sucht. Es handelt sich um den Tatbestand, auf den der Ausdruck „Revalvation“ im eigentlichen Wortsinn paßt. Paradebeispiele dafür lassen sich der Geschichte des englischen Pfundes entnehmen.

So geriet während der Napoleonischen Kriege die englische Regierung etwa ab 1795 durch die Kriegsführung auf dem Kontinent und die Zahlung von Subsidien an ihre Verbündeten in finanzielle Bedrängnis und beanspruchte daher in zunehmendem Maße den Kredit der Bank von England. Die Heerführer stellten Wechsel auf den Generalzahlmeister oder Marineschatzmeister aus, die bei der Bank von England zahlbar waren und die dafür einstand. Dieses Verfahren führte sehr schnell zu einer starken Aufblähung des Wechselvolumens und zu einer derart starken Beanspruchung der Goldvorräte der Bank von England, daß sich die Regierung gezwungen sah, die Einlösungspflicht der Noten mit. der Restriction Bill von 1797 aufzuheben. Damit war die Verbindung der Banknoten zum Gold zerschnitten, und die Noten verloren bis zu ein Viertel ihres Wertes. Für Münzgold (bullion) mußte in den letzten Kriegsjahren (1813) ein Aufgeld von etwa 36 vH gegenüber dem Paritätskurs gezahlt werden. Durch den Abbau der Kriegsschulden, eine Einengung. des Kreditvolumens und ein damit einhergehendes Sinken der Preise – also durch eine kräftige Deflationspolitik – wurde es möglich, die Einlösung des Pfundes wieder aufzunehmen.

Dem gleichen Problem stand England nach dem Ersten Weltkrieg noch einmal gegenüber. Wieder mußte man wie in anderen Ländern auch zum uneinlöslichen Papiergeld greifen, um die Kriegsausgaben zu finanzieren. Unterschiedliche Preisentwicklungen in den USA und England führten dazu, daß das Pfund, das während des Krieges zum Paritätskurs von § 4.76 gestützt wurde, nach seiner Freigabe mit einem erheblichen Abschlag notiert wurde. Das Ziel der englischen Währungspolitik war klar: England wollte seine Weltstellung als Zentrum des Handels- und Kreditverkehrs wieder zurückerobern. Daher galt es als ausgemacht, daß an der Goldparität des Pfundes nicht herumgepfuscht werden durfte. Eine Währung, die im Welthandel die herrschende Rolle spielen will, mußte unerschütterlich sein. Die englische Regierung scheute sich daher nicht, eine bewußte Deflationspolitik einzuleiten. Krediteinengungen, entsprechende Offenmarktoperationen, Zinserhöhungen und Steuererhöhungen wurden eingeleitet. Jedoch verschärfte sich dieser Prozeß noch ganz erheblich dadurch, daß sich in den USA ab Mitte 1920 selbst eine Deflation anbahnte. Nach großen Opfern glaubte man sich in England 1925 soweit, wieder zum Goldstandard überzugehen. Jedoch zeigte sich bald, daß zum Ausgleich der Zahlungsbilanz weitere deflatorische Maßnahmen nötig waren. Selbstverständlich fand diese Revalvationspolitik erbitterte Gegner, zu denen Keynes zählte. Heute sind sich die Ökonomen darüber einig, daß derartige Opfer für den Goldstandard nicht lohnen. Nach den beiden Abwertungswellen der Jahre 1931 und 1949 dürften umfangreiche Revalvationen endgültig der Geschichte angehören.