München, Anfang April

Wenn ein Komponist bekennt, es gehe ihm niemals um musikalische, sondern um geistige Auseinandersetzungen, so bekundet das mancherlei. Zunächst: daß es sich um keinen primitiven Musikanten handelt, für den jenseits der Notenköpfe die Welt aufhört; sodann aber auch: daß er die Musik selbst nicht für eine geistige Angelegenheit per se hält; und endlich: daß er sein künstlerisches Werken und Wollen nicht nach dem Maßstab der musikalischen Leistung beurteilt wissen will. Carl Orff hat jenes Bekenntnis unmißverständlich ausgesprochen, und man wird also seine damit gegebene Art- und Ortsbestimmung im Auge behalten müssen, sooft man in die Lage kommt, zu seinem Schaffen kritisch Stellung nehmen zu sollen.

Je länger, desto mehr ist es auch so, daß eine andere Möglichkeit gar nicht gegeben ist; denn den Boden der Musik als Kunst – auch der „angewandten“, der dienenden Musik – hat Orff in seinen Arbeiten für das Theater längst verlassen. Auch seine begeistertsten, anhänglichsten Verehrer sind sich darüber im klaren. Was es nun eigentlich ist, was hier an die Stelle der Musik getreten ist, läßt sich schwer exakt formulieren. Es ist mehr als Geräuschkulisse und weniger als klangliche Aussage; mehr als äußerliche Effektmache und weniger als notwendige Ausdruckssteigerung; mehr als bloße Nervenaufpeitschung und weniger als geistige Vertiefung. Bleibt demnach zuletzt die Frage, oh, die solchergestalt untermalte Dichtung und überhöhte Sprache dadurch im Sinne ihrer ursprünglichen Absicht mehr oder weniger geworden seien. Das aber kann nur danach entschieden werden, ob die klangregieliche Zutat als notwendig oder entbehrlich, ob sie als eindrucksteigernd oder beeinträchtigend empfunden wird.

Nimmt man die griechische Tragödie, von der wir durchaus nicht genauer wissen, wieweit sie sich mit musikalischen Kunstmitteln oder mit klangregielichen Effekten eingelassen hat, so wird man schwerlich von der Notwendigkeit einer derartigen Zutat sprechen können. Diese Feststellung enthält schon die Bejahung der Entbehrlichkeit in sich. Die Frage nach Steigerung oder Beeinträchtigung des Eindrucks aber erweist sich in der Praxis als absolut nur subjektiv beantwortbar. Es kommt hier ein recht sonderbares Phänomen in das Gespräch: die diametral entgegengesetzten Wirkungsmöglichkeiten derselben Reizmittel auf verschiedene Menschen.

Bekannt ist – um ein Beispiel aus dem modernen Musikleben zu nennen –, daß die rhythmischen Orgien des Jazz unzählige Menschen in ekstatische Raserei versetzen. Entsprechend reden viele Hörer der Orff sehen „Antigonae“ und des „Ödipus der Tyrann“ ‚ den soeben die Bayerische Staatsoper mit einer glänzenden Premiere als Erstaufführung herausbrachte, von der „Faszination“, die dies unentwegte Psalmodieren, melismatische Heulen, unablässige Repetieren und das unausgesetzte Donnern, Knallen, Knattern, Knacken, Puffen, Zischen und Rauschen der massierten Klangregiemittel auf der Bühne wie im Orchester ausstrahlte – mich hingegen macht diese permanente „magische“ Attacke auf das Sensorium müde, passiv und schläfrig – am Ende radikal uninteressiert an dem „dramatischen Anlaß“. Daher finde ich infolge einer systematischen Abstumpfung die Wirkung des Dramas – übrigens auch durch die vielfache Verzögerung der Handlung – erheblich abgeschwächt.

Es ist eben nicht dasselbe: Dort die starke Spannung, die der großen hellenischen Dichtung ohne solche Übersteigerung von außen eignet, und hier die Betäubung der Sinne, die das Ergebnis einer vokalen Monotonie und orchestralen Materialschlacht ist. Die Dichtung läßt den Puls vor innerer Erregung stocken. Die Klangregie drückt dem Hörer von außen die Kehle zu.

Ich stehe nicht allein da mit dieser ganz und gar nicht „faszinierten“ Reaktionsweise. Die Ablehnung hat im Publikum und unter den Sachverständigen ebenso viele Vertreter wie eben die „Faszination“. Wer hat nun recht? Vermutlich keine von beiden Parteien, da feinere oder gröbere Nerven, differenziertere oder massivere ästhetische Ansprüche keine verbindliche Maßstäblichkeit für sich geltend zu machen vermögen. Lassen wir es darum dabei bewenden, daß je nach persönlichem Bedarf das „heilige Original“, die Hölderlinsche Nachdichtung oder die Schöpfung dreifacher Autorschaft unter dem Titel „Carl Orff: Ödipus der Tyrann, ein Trauerspiel des Sophokles von Friedrich Hölderlin“ zur Auswahl steht. Bediene sich jeder, wie er mag ...