Von Josef Müller-Marein

Als Dr. Faust mit seinem Famulus um diese Jahreszeit am Flusse dahinwanderte ("Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren..."), da gab es einiges, was es auch heut’ noch gibt: "Ohnmächtige Schauer körnigen Eises" und "des Frühlings holden, belebenden Blick". Im übrigen aber würde Goethe – lebte er heute und ließe er seine Tragödie in der Gegenwart spielen – dem Herrn cand. phil. Wagner wohl die Worte in den Mund legen: "Mit Euch, Herr Doktor, ’rumzufahren, ist ehrenvoll und bringt Gewinn!" Und wahrscheinlich würde er einige Verse auch dem Umstände widmen, daß Festtage Todestage zu sein pflegen. Seit Jahren lesen wir ja im Anschluß an das Fest, an dem wir die Auferstehung des Herrn feiern, von einer immer größeren Zahl von Menschen, die aus eben diesem Anlaß ins Grab sinken.

Da würde denn der Dr. Faust, vermutlich Atomphysiker seines Zeichens, dem Assistenten Wagner einen Blick in den Rückspiegel mit den Worten gestatten: "Sieh nur, sieh! Wie behend sich die Menge auf Straßen und Wegen zerrschlägt!" Wobei also nicht von "Gärten und Feldern", wie im alten Text, die Rede wäre und mit "Menge" auch nicht die Menschen gemeint wären, sondern die Autos. Dies hätte den Vorteil, die Behauptung, daß die Menge sich "zerschlägt", in durchaus wörtlichem Sinne zu verstehen.

In Gärten und Feldern, gar in Wäldern, ergehen die Menschen sich nicht mehr so gern. Beobachtungen sowohl in der Lüneburger Heide als auch an der berühmten Schwarzwald-Hochstraße erbringen einwandfrei, daß die Autofahrer "spazierensitzen", anstatt "spazieren zu gehen". Sie verlassen die Wagenpolster nicht, atmen statt Heide-, Feld- und Tannenduft die Auspuffgase der Vorderwagen, kehren im Ausflugslokal an der Straße ein, an dem die brummenden Gebilde aus Stahl, Lack und Gummi vorüberfahren. Und Augenzeugen sagen immer wieder, daß schon hundert Meter abseits des Fahrdammes, dort nämlich, wo Feld oder Wald beginnt, kaum ein Mensch noch zu finden sei. Schließlich sind die "Schauer körnigen Eises", die der "alte Winter in seiner Schwäche" sendet, heute schon deshalb ohnmächtig, weil der Scheibenwischer sie viel besser beseitigt als die Sonne, die bei Goethe "kein Weißes" duldet. Abends kehren die lebensgefährlichen Blechkolonnen der österlichen Zeit dann in die Stadt zurück. Hoffentlich haben die Menschen, obwohl sie doch offensichtlich bloß rausgefahren sind, um reinzufahren, dann wenigstens das Gefühl, den Tag abseits der "Straßen quetschender Enge" dort verbracht zu haben, wo sich "Bildung und Streben regt" – das Gefühl, denn die Gewißheit können sie nicht haben. Vielmehr ist hierdes Doktor Faustus Stoßseufzer angebracht, der da lautet: "O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!"

Es wäre nun verlockend, die Parodie auf Goethes "Osterspaziergang" noch weiter zu treiben und etwa den Herrn Doktor herzlich zu warnen, sich vom alten Bauern unter den Linden den Krug darreichen zu lassen, sei es auch mit dem so populär gewordenen Wunsche: "Die Zahl der Tropfen, die er hegt, sei Euren Tagen zugelegt!" – wo doch heute weit eher die Zahl der Tropfen der Verkehrssünderkartei in Flensburg zugelegt werden. Aber lassen wir’s!

Nur schnell noch einen Blick auf den Fluß, der "in Breit’ und Länge so manchen lustigen Kahn bewegt"! So, wie die Städte von Staub und Ruß bis zur Lebensgefahr für die Bürger bedroht sind, so sind die Flüsse durch die Abwässer verseucht. Keine altkölnische Verordnung könnte mehr befehlen, daß die Herrschaft es sich nicht so einfach machen solle – sei es aus Sparsamkeit oder aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Gesinde –, den Dienstmädchen jeden Tag Rheinlachs vorzusetzen. Abgesehen von den Dienstmädchen gibt es schon längst keinen Lachs mehr im ölverseuchten Rhein und auch nicht im Main, der unserem Goethe wohl vorschwebte, als er am Flußufer den Dr. Faust die Beobachtung machen ließ: "Und bis zum Sinken überladen, entfernt sich dieser letzte Kahn." Worauf es, wie wir wissen, ein paar Verse weiter lautet: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!" Ein paar Seiten später heißt es dann aus dem Munde des unerträglichen, indessen für viele Autofahrer heute vorbildlichen Wagner: "Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt." Dann folgt in der sinkenden Dämmerung die Begegnung mit dem schwarzen Teufels-Hund, den der Doktor mit nach Hause nimmt. "Knurre nicht, Pudel!"

Ach, was ist es denn aber, was uns lockt, die österliche Spazierszene aus dem "Faust" zu lesen, alljährlich, jedesmal, wenn Ostern kommt? Geschieht es, weil wir dort jene unsagbare Frische wiederfinden, die den Vorfrühling bei uns zu Lande so köstlich macht, diese aus Frost und Hagel und Wind und plötzlicher Sonnenkraft gemischte Atmosphäre, die den Frühling einleitet und dann auch wieder verzögert und ihm schließlich mehr Dauer verleiht als in anderen Breiten? "In Deutschland wird der Frühling auf kleiner Flamme gekocht", sagte eine amerikanische Ex-Deutsche, die nicht nur Humor hat, sondern auch Geld genug, den April, Mai und Juni in ihrer Heimat zu verleben. Anderswo, im Osten, in Süden, bricht der Frühling dramatisch herein – ein Überfall der Natur; heute gehen die Knospen auf, und morgen liegt schon Staub auf den jungen Blättern.