Auslandsreportagen im Fernsehen sind gemeinhin eine etwas mühselige Angelegenheit. Auf der einen Seite stehen die landschaftlich oder volkskundlich orientierten Kulturfilme, die bei wissenschaftlichen Expeditionen nebenher abfallen und den Forschungsreisenden oft zur Auffüllung ihrer Reisekasse und den Sendern zur Befriedigung ihres Stoffhungers dienen. Das Korrespondentennetz des Fernsehens steckt noch in den Kinderschuhen, weder in Indien, noch in Japan, noch in ganz Südamerika ist eine ständige Fernsehvertretung eingerichtet. Es läßt sich also verstehen, daß die Programmdirektoren zur Auflockerung ihrer Sendungen auch Material ankaufen, das mit Fernsehjournalismus nur sehr am Rande zu tun hat. Für den Augenblick mag das hingehen, aber es bleibt ein Notbehelf. Paradiesvögel, Ameisenbären, Kraken und Alligatoren sind zwar bemerkenswerte Lebewesen, aber was sagen sie aus über Länder, in denen vielleicht gerade politisch-soziale Hochspannung herrscht. Ein Beispiel für viele: der Burma-Film, den das Fernsehen kürzlich zeigte – aus einem der in politischer, kultureller und sozialer Hinsicht interessantesten Länder Südostasiens ein Streifen über Schlingpflanzen und körperliche Mißbildungen mit kultischem Hintergrund.

Auf der anderen Seite stehen die soliden und informativen Auftragsarbeiten fernseheigener Reporterteams, deren Zahl allerdings so gering ist, daß ein und dieselben Männer heute durch Venezuela und morgen durch Kambodscha jagen. Zur Vertiefung in die Materie kommt es bei der Eile nicht, und so ha’ren sich dergleichen Filme doch recht oft bei Äußerlichkeiten auf: der Zusammenstoß von Tradition und Moderne. Wolkenkratzer mit Klimaanlage und Lehmziegelhütten, heilige Kühe und Cadillacs, rituelle Tänze und Düsenjäger, Tempelstädte und Zehn-Jahres-Pläne – also das, was man dann das widersprüchliche Antlitz der Entwicklungsländer zu nennen pflegt. Auch hier ein Beispiel für viele: Carsten Diercks und Walter Bergs Asien-Serie.

Mit dem Tokio-Bericht „Stadt zwischen gestern und heute“ hat der Sender Hamburg jetzt auf diesem Gebiet etwas Neues versucht. Hannelore Schroth, die sich sechs Wochen lang in Tokio aufhielt, begleitete eine japanische Kameramannschaft bei einem Bummel durch Tokio. Statt einer politischen Analyse also die privaten und sogar hin und wieder die zufälligen und beiläufigen Eindrücke einer geistvollen und charmanten Frau, die von dem erzählt, was ihr eben aufgefallen ist. Kaum Weltbewegendes war dabei und eigentlich auch nichts, was man nicht schon vorher gewußt hätte: Daß Geishas kultiviert sind, daß Japan sechs Fernsehprogramme hat und daß Zehntausende von Japanerinnen sich die Augen „westlich“ operieren lassen. Aber das alles war interessant geplaudert, war sehr gewinnend persönlich gehalten und durch die Fülle von kleinen Notizen und Beobachtungen doch aufschlußreicher als mancher politische Rechenschaftsbericht. Der Versuch – als solcher wurde dieser Film bezeichnet – ist gelungen. Wird Frau Schroth demnächst genauso aus Indien berichten, wie angekündigt? Hoffentlich.

Unmittelbar nach dieser Sendung brachte das Fernsehen das japanische Fernsehspiel „Ich möchte eine Muschel sein“ von Shinobu Hashimoto in einer Originalproduktion von Radio Tokio, das Lust auf mehr dergleichen Importe machte. Wie wär’s, wenn die Sender etwa monatlich einmal zu fester Stunde ausländische Originalinszenierungen in synchronisierter Fassung vorführten? An mehreren Orten werden in diesem Jahr internationale Fernsehfestspiele abgehalten werden. Das Wichtigste und Interessanteste davon könnte den Fernseher sehr bereichern. Das zweistündige Kontrastprogramm der Landesrundfunkanstalten gibt ja nun auch die Sendezeit dazu her, ohne daß die Anhänger der Fernseh-Spaßmacher Frankenfeld und Kulenkampff auf ihr Hallodri verzichten müßten.

lupus

Bitte, schenken Sie dem Prospekt VARTA-Führer durch Deutschland 1961/62 aus Mairs Geographischem Verlag, Stuttgart 13, Spittlerstraße 8, der unser heutigen Auflage beiliegt, Ihre Aufmerksamkeit.