Am 28. März setzte der indische Ministerpräsident Nehru das Hüttenwerk Rourkela in Betrieb, das in fünfjähriger Arbeit von 36 deutschen Firmen mit nahezu 3000 Unterlieferanten errichtet worden ist.

Die Diskusion bekam plötzlich Schärfen. „Wenn Rourkela erst einmal läuft, dann wird niemand mehr über solche Pannen sprechen!“ ereiferte sich der Vertreter eines großen Industriewerks, das wesentlichen Anteil an dem Stahlwerk im indischen Dschungel hat. Sollte man also, wenn man in der gepflegten Atmosphäre der Deutschen Stiftung für Entwicklungsländer in Berlin-Tegel über die deutsch-indische Zusammenarbeit spricht, nicht über jene Ungeschicklichkeiten sprechen, die in Rourkela eben diese Zusammenarbeit getrübt haben? Ungeschicklichkeiten wie jener, daß den Indern das Betreten des deutschen Clubs verwehrt wurde, so wie es einst die Kolonialherren taten, oder daß den deutschen Monteuren häufig die Geduld im Umgang mit ihren indischen Schützlingen fehlte und sie daher in den Ruf kamen, überheblich zu sein?

Rourkela, so hörte man von dem Public-Relation-Mann, den sich die deutsche Industrie endlich verpflichtet hat, um der recht wirkungsvollen kommunistischen Propaganda in Indien zu begegnen, Rourkela ist eine Zusammenballung deutscher Industrie, wie sie in Asien einmalig ist. Für alle Asiaten ist Rourkela untrennbar mit dem deutschen Namen verbunden.

So ist das Stahlwerk, das die deutsche Industrie mit einer dazugehörigen Stadt mitten im Dschungel aus dem Boden gestampft: hat, einer jener Modellfälle geworden, die der Bundestagsabgeordnete Vogel – als stellvertretender Vorsitzender des Haushaltsausschusses in einer Schlüsselposition für die Entwicklungshilfe – für die wirkungsvollste Form gegenseitiger Hilfe hält. Von solchen Modellfällen, so meinte Vogel, müßte die deutsche Entwicklungshilfe ausstrahlen in die Empfängerländer, von hier aus könnten die Impulse ausgehen für die Ausbildung und soziologische Umstellung, die mit der wirtschaftlichen Hilfe Hand in Hand gehen müssen. „Entwicklungshilfe darf sich nicht in wirtschaftlichem Denken erschöpfen, sie muß ein geistiges Programm sein“, forderte der Politiker.

Gerade für die deutsch-indische Zusammenarbeit sah Prof. Meyer, der frühere deutsche Botschafter in Neu Delhi, in den alten kulturellen Bindungen und gemeinsamen geistigen Grundlagen – beide Völker haben etwas Irrationales“ – gute Voraussetzungen. Bei aller Afrika-Besessenheit, die gegenwärtig zu spüren sei, dürfe Indien nicht vernachlässigt werden, denn: „Den Weg, den Indien geht, wird Asien gehen!“

Rourkela ist das modernste Stahlwerk in Asien; es ist eines der modernsten überhaupt. Eine Million Tonnen Stahl können jetzt jährlich produziert werden. In fünf Jahren soll die Jahresproduktion sogar 1,6 Millionen Tonnen Stahl betragen. Diese Erweiterung – die Russen hatten sich mit einem günstigen Angebot darum beworben – ist eine der Aufgaben, die der deutschen Industrie im dritten indischen Fünfjahresplan gestellt sind. Dabei wird Rourkela immer gemessen werden an Bhilai, dem von den Sowjets gebauten Stahlwerk, an Durgapur, das die Briten bauten, und künftig wohl auch an dem amerikanischen Modell in Bokaro.

Im wirtschaftlichen Wettkampf der Nationen in dem wichtigsten EntwicklungslandAsiens bleibt Rourkela der deutsche Modellfall, an dem sich das deutsche Entwicklungskonzept beweisen muß – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich und geistig. H. M.