Von Rolf Zundel

Frankfurt, Ende März

Die Delegierten riefen einander zu: "Er kommt". Blitzlichter flammten auf. Eine Gasse öffnete sich. Durch ein Spalier begeisterter Menschen schritt, geleitet von Erich Mende, der Patriarch des deutschen Liberalismus, Altbundespräsident Heuss, und winkte mit Zigarre in der Hand den Delegierten des FDP-Parteitages zu.

Theodor Heuss, Bundesvorsitzender der FDP in den Jahren 1948 und 1949, dann zehn Jahre lang Bundespräsident und durch die Überparteilichkeit, die sein Amt verlangte, seiner Partei weit entrückt, war zur FDP zurückgekehrt – wenn auch nicht als Führer im Streit, so doch als ihr Schutzheiliger. Die Delegierten dankten es ihm mit stürmischen Ovationen, und Erich Mende, der Parteivorsitzende, zeigte sein strahlendstes Lächeln.

"Unter das Leitbild des größten lebenden Repräsentanten des deutschen Liberalismus" wolle sich die Partei stellen, rief Mende emphatisch. Und dies war nicht nur in übertragenem Sinne gemeint. Denn in Frankfurt – wie zuvor bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen – hatte die FDP mit einem wirksamen Plakat geworben: Auf blauem Hintergrund erscheint darauf – mit weißen, leichten Strichen gezeichnet – der Kopf von Theodor Heuss, im Vordergrund in kräftigen, braunen Farben, jugendlich und energisch, ein deutscher Kennedy: Erich Mende.

Es sei ganz lustig, sich leicht vergeistigt "mit einem so schönen Mann auf einem Bild zu sehen", meinte Heuss, und er dämpfte die besitzergreifende Begeisterung der FDP-Delegierten mit der Bemerkung, daß diese Darstellung eigentlich nicht für die Kommunalwahlen gedacht gewesen sei. Aber er ließ doch keinen Zweifel daran, daß er sich immer noch als FDP-Mann fühlt: "Die Welt soll ruhig erfahren, auch das deutsche Volk, woher ich komme und wohin ich immer gehört habe."

"In seinem Geist mit neuer Kraft", so lautet die Unterschrift des Wahlplakat Die Demonstration von neuer Kraft, neuem Optimismus – das war auch das Hauptmerkmal dieses letzten Bundesparteitages der Freien Demokraten vor der Wahl. "Glückvoll", nannte ihn überschwenglich Erich Mende, "harmonisch", "erfolgreich" – so urteilten die Delegierten des Parteitages, der im Gesellschaftshaus des Frankfurter Zoos tagte. In den Pausen promenierten die Politiker zwischen Löwen und Leoparden, die sich in der Frühlingssonne räkelten, zahm und friedlich wie brave Hauskatzen.