Montanaktien sind Arme-Leute-Papiere“, erklärte in der Hauptversammlung der August Thyssen-Hütte AG ein Kleinaktionär, der seiner Enttäuschung über den „Kursverfall der Montanwerte“ temperamentvoll Luft machte. Der tosende Beifall, den seine Ausführungen erhielten, zeigte, daß damit vielen Aktionären aus der Seele gesprochen war. Auch die Verwaltung pflichtete diesen Worten bei, nicht ohne jedoch darauf hinzuwiesen, daß die Unternehmensleitung auf den Kurs der Thyssen-Aktie – die gegenüber dem Höchststand um etwa ein Drittel ihres Wertes gefallen ist – keinerlei Einfluß habe. Vorstandsvorsitzender Bergass. Dr. h. c. Hans Günther Sohl, bezeichnete auch seinerseits die Notierung als „nicht, marktgerecht“; die Entwicklung an der Börse verlaufe in keiner Weise konform mit der geschäftlichen Entwicklung der großen Montanunternehmen. Aus Sohls Äußerungen ging hervor, daß die Verwaltung den inneren Wert der Thyssen-Aktie durchaus höher einschätzt, als es das Börsenpublikum tut.

Dennoch wurde gerade in dieser Hauptversammlung der Beweis erbracht, daß das Interesse an der Aktie der August Thyssen-Hütte eher gewachsen ist. Wie Vorstandsvorsitzer Sohl in seiner Rede bekanntgab, hat sich die Zahl der Aktionäre der August Thyssen-Hütte in den letzten drei Jahren stark erhöht. Das Unternehmen zählt nach der letzten Erhebung 61 000 Aktionäre gegenüber 39 000 im Jahre 1957. Nur 330 Aktionäre verfügen über mehr als 50 000 DM. Ohne Berücksichtigung der beiden Großaktionäre errechnet sich danach bei der Thyssenhütte ein durchschnittlicher Aktienbesitz von rd. 4300 DM gegenüber 3200 DM vor drei Jahren. Den Anteil ausländischer Anleger schätzt die Verwaltung auf nom. 30 bis 40 Mill. DM. Der Besitz der Großaktionäre hat sich, wie erklärt wurde, nicht vergrößert, aber die im vergangenen Jahr gegründete Fritz Thyssen-Stiftung werde auf den Anteil der Thyssen-Erbinnen am ATH-Kapital nicht ohne Einfluß bleiben. Die Stiftung, die zunächst über den Nießbrauch an 75 Mill. DM Phoenix-Rheinrohr-Aktien und 25 Mill. DM ATH-Aktien verfügt, hat erstmalig Dividendeneinnahmen in Höhe von 12 Mill. DM erhalten; sie ist also arbeitsfähig und hat auch bereits in enger Fühlungnahme mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft Stipendien für eine Reihe förderungswürdiger Forschungsvorhaben beschlossen.

In dem vor den zahlreich erschienenen Aktionären erstatteten Rechenschaftsbericht der Verwaltung nahmen die Pläne des künftigen Konzernauf- und ausbaues einen hervorragenden Platz ein. Nachdem die Thyssenhütte im vergangenen Jahr den Antrag auf die Übernahme der Aktienmehrheit der Phoenix-Rheinrohr AG zurückgezogen hatte, warten in Luxemburg seit nunmehr 7 Monaten Anträge auf Erhöhung der Beteiligung an der Stahl- und Walzwerke Rasseistein / Andernach AG und auf den Erwerb der Kapitalmehrheit an der Handelsunion AG. In beiden Fällen rechnet die Verwaltung mit einem zustimmenden Bescheid aus Luxemburg. Auf die Frage eines Aktionärs, woher die Thyssenhütte die Handelsunion-Mehrheit nehmen wolle, erklärte Sohl lediglich, daß es dazu verschiedene Möglichkeiten gebe. Ein Vorkaufsrecht auf das kürzlich von Rheinstahl veräußerte Handelsunion-Paket habe die ATH nicht gehabt, hieß es auf eine diesbezügliche Anfrage. Eine mögliche Änderung im Konzernportefeuille der Thyssenhütte könnte sich auch durch eine Veräußerung des 35-vH-Paketes der Hüttenwerke Siegerland AG ergeben. Hierzu machte Sohl jedoch die Einschränkung, daß sich die ATH von ihrer Siegerland-Beteiligung (zugunsten der Dortmund-Hörder Hüttenunion) trennen werde, falls die Hohe Behörde es in ihrem Genehmigungsverfahren für die beiden anderen Projekte verlangen sollte.

Der Vorstandsbericht über das erste Halbjahr des neuen Geschäftsjahres lautete positiv. Die Rohstahlerzeugung der ATH-Gruppe lag mit einem Monatsdurchschnitt von 336 000 t etwa auf der Höhe des Vorjahres. Gegenüber dem ersten Halbjahr des Berichtsjahres ergibt sich eine Steigerung um 7 vH. Die gleiche Entwicklung zeigt sich auch beim Umsatz. Der Fremdumsatz der Gruppe betrug 208 Mill. DM im Monatsdurchschnitt gegenüber 201 Mill. DM im Vorjahr; das entspricht einer Steigerung von 8 vH. Die Auftragsbücher der Gesellschaft sind noch für mehrere Monate gefüllt; aber, so betonte der Vorstandsbericht, eine Prognose für das zweite Halbjahr 1960/1961 sei zur Zeit noch unmöglich, da „die Aufwertung der DM einige Schatten auf die künftige Geschäfts- und Ertragslage unserer Industrie wirft“. Aus der Aufwertung ergeben sich nach den Schätzungen der Thyssen-Verwaltung eine Verbilligung auf der Rohstoffseite von 7 bis 8 Mill. DM und – bezogen auf den letztjährigen Exportumsatz – Mindererlöse im Exportgeschäft von etwa 22 Mill. DM. Die indirekten Auswirkungen der Aufwertung seien allerdings noch nicht zu übersehen.

Die 12prozentige Dividende wurde einstimmig gebilligt, und auch die übrigen Tagesordnungspunkte konnten nahezu einmütig erledigt werden. Die Neuwahlen für den Aufsichtsrat – Dr. Robert Pferdmenges übernahm wiederum den Vorsitz – brachten den Vorstandsvorsitzenden der Volkswagenwerk AG, Prof. Dr. Heinrich Nordhoff, neu in den AR der August Thyssen-Hütte AG. nmn